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Iliou melathron

Blog von Christian Gries / ISSN 2197-7747

Schöne Götterfunken – das Siemens Arts Program

Schöne Götterfunken – das Siemens Arts Program

Den Anfang machte eine Frage: „Kreativität & Kultur – ist das effizient oder kann das weg?“. Um diese Fragestellung mit einer Gruppe kulturaffiner Blogger aus ganz Deutschland zu diskutieren, hatte das Siemens Arts Program Ende Juli nach Salzburg geladen.

In der Musik und im Dialog
Eine der vielen möglichen Antworten auf diese, wohl rhetorische, Frage legten die Veranstalter bereits in der Ankündigung bei: „Wir sind der Meinung, dass Kultur und Kreativität eine wesentliche Grundlage für jede freie Gesellschaft sind und enorm zu deren intellektueller, sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung beitragen können. In Zeiten von Digitalisierung, Industrie 4.0 und innovativen Technologien rücken diese „soften“ Themen jedoch häufig in den Hintergrund. Dabei wird außer Acht gelassen, dass sich viele neue Potenziale ergeben, wenn man die digitale Business-Welt mit der kreativen Kultur-Welt zusammenbringt.“ Andere selbstverständliche Antworten und Positionen finden sich auch auf der Website des Programms: „Kunst und Kultur sind eine wesentliche Grundlage für jede freie Gesellschaft. Sie sind unverzichtbar als Motor für Identität, Kreativität und Selbstreflexion“. Niemand der Teilnehmer hatte an der Relevanz von Kultur  Zweifel, – gelernt haben aber wohl alle, wie man die Effizienz nutzen und gestalten kann.

Vom Siemens Kulturprogramm zum Arts Programm
Obwohl „Kultur“ wohl schon fast seit der Unternehmensgründung zum Selbstverständnis des Unternehmens gehörten, rief die Siemens AG erst im Jahr 1987 das „Siemens Kulturprogramm“  ins Leben. Ziel war ein spezifisches Kulturprogramm für das Unternehmen, das sich zu einem internationalen Förderprogramm für zeitgenössische Kunst und Kultur entwickelt hat. 2015 wurde das Siemens Arts Program unter der künstlerischen Leitung von Prof. Dr. Stephan Frucht neu aufgesetzt und versteht sich heute auch als Kreativplattform für unternehmenseigene Kunst- und Kulturprojekte. Schwerpunkte bilden die Bereiche Bildende Kunst, Musik und Kulturelle Bildung.
Im Rahmen der Selbstbeschreibung auf der Website wird das Arts Program als „Ideen-Lab für Kreativität und Wandel“ tituliert, – und so fühlte sich die Veranstaltung in Salzburg auch an: als ein neugieriges, offenes und unkompliziertes Format, das den freundlichen Dialog und Austausch mit einer wohl auch für Techkonzerne eher ungewohnten Dialoggruppe, den Bloggern, suchte. Ein Laboratorium für Ideen und Meinungen, an diesen zwei Tagen geparkt zwischen Mozartkugeln, Salzburger Festspielen, Jedermann und mächtiger Freiluftoper. Das war durchwegs sehr symphatisch, inspirierend und erfrischend frei von Selbstdarstellung oder Produktplacement. Wir begegneten einem alten Konzern mit jungen Mitarbeitern, der Förderleistungen auf Weltniveau kultiviert oder substituiert, – und fanden ein freies und unkompliziertes Gegenüber. Die Kreativplattform Siemens Arts Program stellte sich vor und machte schnell deutlich, daß  „Teilhabe an kreativen Schaffensprozessen“ wohl auch einfach den Austausch von und mit Kulturbloggern bedeuten kann. Über die Identifikation einer gemeinsamen Bühne und eines verbindenden Themas versorgte man die Teilnehmer mit zahlreichen Impulsen aus der Hochkultur: „Die Möglichkeit der Teilhabe an kreativen Schaffensprozessen ist ein zentrales Kriterium (…) des Siemens Arts Program. Damit verfolgen wir das Ziel, ein hohes Maß an Inspirationskraft freizusetzen“.

Dirigieren mit Stephan Frucht: „SCENE – Siemens Cultural Empowerment for New Executives“

„Empowerment for new executives“
Einer der spannendsten Momente dieser Bloggerreise war der Dirigierworkshop mit Stephan Frucht und den Salzburg Chamber Soloists. Hintergrund dieses Formats war der Siemens-Workshop „SCENE – Siemens Cultural Empowerment for New Executives“, mit dem Leadership über die Begegnung mit Kultur entwickelt werden soll, – ein „Weiterbildungsprogramm für High-Potentials und Personen mit weitreichenden Führungsaufgaben“ wie man auf der Website nachlesen kann. In der dialogischen und performativen Umsetzung spiegelt eine Orchesterführung durch einen Dirigenten die idealen Aufgaben einer Teamführung. Es geht um wesentlich mehr als nur ein gutes Taktgefühl, – es zählt (wenn man die bei uns natürlich fehlende Auseinandersetzung und künstlerische Leistung der Interpretation einer Kompositionen vernachlässigt) die spontane Einfühlung in Musik und Musiker, die persönliche Präsenz, die Fähigkeit der Abstimmung, der reflektierten Steuerung von Prozessen, die sensible aber auch eindeutige Vermittlung einer Idee, Selbstreflexion und die permanente Kommunikation mit dem Team: „Führungsqualität“ eben. Gerade im Blick auf den digitalen Wandel und die notwendigen womöglich ganzheitlichen Veränderungsprozesse stehen auch Kultureinrichtungen heute vor Herausforderungen, die Innovationsfähigkeit erfordern und kreatives Denken unverzichtbar machen. Es stellt sich deutlich die Frage, wie man in diese Prozesse „Leadership“ oder zumindest Orientierung implementiert. Ist das heute noch die Aufgabe eines Dirigenten oder entsteht Bewegung und Werk aus dem Team? Braucht es eine erste Geige? Wer gibt den Takt vor? Und spielen wir in Dur oder Moll? In der Arbeit mit einem Team (in unserem Workshop: dem Orchester) geht es um das Einzelne und das Gemeinsame, genau aufeinander abgestimmte Prozesse, Präsenz und Aufmerksamkeit. Wir haben im Workshop auf eine Auswahl großer Dirigentinnen und Dirigenten geblickt, Simone Young, Daniel Barenboim oder Herbert von Karajan – und wenigstens im Ansatz ein wenig über Führungsqualitäten (oder -schwächen) diskutiert. Und wir haben es direkt im Selbstversuch getestet: Variationen am Dirigentenstab mit und ohne Taktgefühl, Nervosität, Spontantität, mit Götterfunken, als kleine Nachtmusik oder Wiegenliedchen. Ein filigranes Spiel mit sofortigem Feedback, wirkungs- und eindrucksvoll, ein großer Spaß – mit Lerneffekt.

Kultur & Kreativität
Und was ist nun mit der Kreativität? Man kann darüber kostbar streiten, – ich empfehle zur Lektüre das Büchlein von Wolfang Ullrich, zitiere den alten Beuys’schen Topos: „“Kunst = Mensch = Kreativität = Freiheit“ und unterstreiche dann wohl auch Ullrichs These, dass „Kreativität heute auch als Reflex auf eine ökonomische Notwendigkeit in einer ökonomisierten Leistungsgesellschaft“ gilt: „Kreativ zu sein, verheißt nicht nur, sich als unentfremdet und authentisch – somit als Individuum – erleben zu können; es bedeutet auch, in einer Wettbewerbs-und Leistungsgesellschaft die Chance auf Erfolg zu haben, da man schneller, origineller, überraschender als andere agiert„. Dieses Kreativitätsdispositiv hat für die Kultur und natülich auch für Museen tiefgreifende Folgen: „Sie erleben den markantesten Funktionswandel ihrer (…) Geschichte, zugleich aber eine Aufwertung. Der Wandel besteht darin, dass die Besucher nicht mehr nur kommen, weil sie die Schöpfungen – Meisterwerke – anderer bewundern, sondern weil sie sich auch selbst als kreativ erleben wollen.“ Im Nachdenken über diese neue Kreativität, im Entwurf von Konzepten und Formaten der digitalen Vermittlung verändern sich nicht nur Kreativprozesse innerhalb der Museen, sondern auch die Perspektiven und Handlungsräume des Publikums. Sie hat heute Hauptebenen und Zwischenräume, neue Instrumente und mitunter diffuse Impulse zwischen matter Selbstdarstellung und innovativer Interpretation. Die Museen finden hier neue Bühnen, Methoden und Aufgaben. Ullrich hat diese 2015 definiert: „um die zunehmend ins Zentrum gerückten Museums-Funktionen auf einen klaren Begriff zu bringen und die Differenz zum herkömmlichen Begriff von Museum deutlich zu machen, könnte man dieses neu als Kreativitätsagentur fassen.“

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