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Iliou melathron

Blog von Christian Gries / ISSN 2197-7747

Once upon a time. Zwischen Kittler, Beltracchi und der Kugelschreibmaschine #MeinWeginsNetz

Once upon a time. Zwischen Kittler, Beltracchi und der Kugelschreibmaschine #MeinWeginsNetz

Kurz vor dem stARTcamp in Wien #scvie19 rufen die Kulturfritzen zur Blogparade „Wie wir das Analoge und das Digitale verknüpfen können“ auf und fragen nach den individuellen Wegen ins Netz. Auch ich möchte einen kleinen, launischen Beitrag zur Parade #MeinWeginsNetz liefern, zumal der stART-Kosmos mit seinen Konferenzen und Camps in Deutschland ganz sicher nicht nur für mich einen wesentlichen Beitrag dazu geliefert hat. So ilässt sich hier das Eine mit dem Anderen gut verbinden.

Once upon a time
Wenn ich bei Christian Henner-Fehr vom Piepen eines 56K Modems eingeholt oder bei Ute Vogel an frühe Schulungen zur Digitalisierung erinnert werde, formiert sich bei mir ein Grundgefühl der Melancholie, eine Ahnung von „Once upon a time (in the West)“: alle gucken bedeutungsvoll, Helden kommen und gehen, über das (gem)einsame Schicksal legt sich die Sicht auf staubiges Neuland, die Ahnung eines neuen Zeitalters, wo eifrige Arbeiter am Paradigmenwechsel und  werkeln. Was einmal die Eisenbahn war, ist heute die Digitalisierung (bei gleicher Problemlage eine Standardsituation auch in der Technologiekritik). Schön, wenn kitschige Filme so voller Metapher auf die Zukunft sind :-).

Elektronische Datenverarbeitung
Mein Weg hatte um 1984 an der Schule mit einem IBM-Rechner begonnen. Der klobige Kasten hatte keine Festplatte, flackernde grüne Displays warfen über BASIC-Programmierzeilen erste  Schatten in staunende Gesichter und der ganze Zirkus hatten ein prägnantes Kürzel: EDV. Zuhause stand wenig später ein Commodore VC20 (hab ich noch), dann ein VC64. Zum Speichern von Codesequenzen nutze man ein Bandlaufwerk, das auf den schicken Namen „Datasette“ hörte und in das man herkömmliche Audiokasetten stecken konnte. Die Codesequenzen überspielten dann schon auch mal wertvolleres, – wie z.B.TOCOTRONIC, die mit „Digital ist besser“ gerade einen Schlachtruf geliefert hatten. Über Anbieter wie CompuServe kam mit Mosaic der erste Webbrowser vor die Augen (dort habe ich erstmals Spiegel online gelesen und die erste von den wenigen weltweit verfügbaren Museumswebsites angesteuert). Irgendwie war dann schnell klar, dass es hier in Zukunft viel zu tun gäbe.

Beltracchi
Kaum zu glauben, – aber irgendwie hat mich auch Beltracchi intensiver zur Digitalisierung gebracht. Als junger Kunsthistoriker in den frühen Fälschungsskandal (oder die Entlarfung desselben) involviert (näheres dazu hier) hatte ich von der klassischen Kunstgeschichte genug und mich nach neuen Aufgabenfeldern umgesehen. Die Digitalisierung schien da gerade richtig, da eine Affinität gegeben und die feste Überzeugung von der Relevanz des Mediums für die Kulturvermittlung vorhanden war. Die Promotion habe ich dann bereits mit einer zweijährigen Ausbildung zum Medienentwickler flankiert. Wie Ute Vogel mit Zertifikat (und ohne Berührung zum Internet). Während manche Ausbildungsbereiche hilfreich waren und bis heute sind (Photoshop. Illustrator, etc.), waren andere völlig sinnlos: tatsächlich lernten wir damals Macromedia Director und sollten auf eine Zukunft in der CD-Rom-Produktion vorbereitet werden.

Schreibkugeln und Götter
Wichtiger aber als als alle Hard- oder Software, als jede Fort- oder Ausbildung war eine Einbildung: irgendwie kam da Friedrich Kittlers These auf den Tisch, dass die Philosophie Nietzsches ohne die kugelförmige Tastatur seiner Schreibmaschine, eine kugelförmige Malling-Hansen, nicht hätte entstehen können. Da nun auch das Digitale mit implizierter Form und Buchstabenverteilung durchaus exzentrische Gedankenkombinationen ermöglicht, festigte sich bei uns die Überzeugung, dass auch die Digitalisierung noch Wesentliches im Kulturbetrieb verändern würde. Und auf Kittlers Spuren formulierte sich, getrieben von der eigenen humanistisch geprägten Erziehung, die Überzeugung, daß „nur Götter und Computer imstande (sind), den blauen Himmel oder aber die Gewitter, die als Wetter morgen aufziehen werden, schon heute vorauszusagen“ (Kittler: Die Wahrheit der technischen Welt: Essays zur Genealogie der Gegenwart).
Das war irgendwie der Anfang.

Schreibkugel Malling-Hansen. (Bildquelle: B.-Christoph Streckhardt, Foto auf Wikimedia, 2011)

 

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