Close

Iliou melathron

Blog von Christian Gries / ISSN 2197-7747

Wie digital sollten Museen (heute) sein?

Wie digital sollten Museen (heute) sein?

Ich nehme eine Blogparade des lesenswerten, neuen Blogs von Dr. Thorsten Beck, „museum beck.stage“ über die Frage „Wie digital sollten Museen sein?“ zum Anlass, mal wieder etwas im eigenen Blog zu schreiben.

Welche digitalen Angebote sollte jedes Museum machen?
Ein Museum sollte so digital sein, wie sein Publikum. Wenn sich das Rezeptionsverhalten des Öffentlichkeit verändert, müssen auch die Museen reagieren. Wenn neue „Kulturerschließungsmuster“ und oder „Kreativitätswerkzeuge“ von den Besuchern eingebracht werden, ist es an der Zeit, dass sich auch die Kultureinrichtungen damit auseinander setzen. Wenn sich das Digitale als Aufenthaltsort und Rezeptionslandschaft etabliert, muss auch die Idee des Museums verändert werden. Wenn mehr Menschen Kultur digital als analog erleben, muss auch die Definition des „Besuchers“ überdacht werden. Digitalisierung ist immer auch eine Frage der Relevanz. Die Perspektiven dieser Relevanz können die Häuser heute selbst gestalten, – oder ignorieren. Die Konsequenzen dieser Entscheidungen müssen sie dann aber aushalten. Kulturerfahrungen und -Erlebnisse sind heute nicht mehr exklusiv an den (analogen) Ort gebunden. Die Museen haben längst den „erweiterten Raum“ betreten, finden dort ein interessiertes, internationales Publikum und sollten die Möglichkeiten der digitalen Vervielfachung, Reichweiten, Inszenierungen nutzen.
Herzstück der digitalen Angebote ist und bleibt sicher die gute alte Homepage. Hier sollten alle wesentlichen Informationen und Serviceangebote, aber auch mögliche „Inspirationen“ zur Vorbereitung des Museumsbesuchs (1), zur Vertiefung des Aufenthalts (2), zur Nachbereitung (3), aber auch für die rein externe Beschäftigung mit den Themen und Sammlungen des Hauses (4)  zielgruppengerecht abgebildet werden. Die Website öffnet im Idealfall aber auch Perspektiven der Nachnutzung und Zugänglichkeit digitaler Angebote, insbesondere publizierter Digitalisate und ihrer Erschliessung in Online-Sammlungen. Um ein paar Zahlen zu nennen: in Bayern sind nahezu 95 % aller Museen mit einer Homepage online (40% betreiben eine Homepage in der Selbstverwaltung, 15% betreiben Gemeinschaftsportale, 40% liegen, gewollt oder ungewollt, im digitalen Corpus eines Trägers).

Digitale Angebote der Kunsthalle Mannheim (Bildquelle: https://digital-gipfel.m-r-n.com/topics/kunsthalle-mannheim/)
Digitale Angebote der Kunsthalle Mannheim (Bildquelle: https://digital-gipfel.m-r-n.com/topics/kunsthalle-mannheim/)

Auch ein Engagement in den sozialen Medien ist heute für ein Museum unabdingbar. Der Facebook-Auftritt ist womöglich auch deshalb schon Pflicht, da sich hier in jedem Fall ein Meinungsbild des Publikums abbildet, das sich ggf. auch in unkontrollierten Strukturen  offenbart (eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigte in Bayern auf, dass von ca. 1.400 Museen allein 416 Museen mit inoffiziellen (d.h. von den Einrichtungen nicht initiierten oder kontrollierten) Accounts auf Facebook abgebildet wurden). Twitter hat sich in den letzten Jahren in Deutschland vor allem zu einem B2B-Instrument entwickelt. Es wäre also ein Angebot von Museen für die Fachcommunity, – im Zweifelsfall noch ein Instrument zur Kommunikation mit den Medien, aber weniger mit dem Publikum. Instagram boomt und bringt Reichweite, gehört heute wohl ebenfalls in den Malkasten digitaler Kommunikation. YouTube ist, im Angesicht der aktuellen Bedeutung von Bewegtbild und der riesigen Community sicher ebenfalls hilfreich, wenngleich die Museen auch selbst entscheiden sollten, wieviel Aufwand sie dort einbringen möchten.
Wenn die eingangs publizierten Frage also nach digitalen Angeboten in „jedem Museum“ fragt, so ist hier sicher nicht zu pauschalisieren, sondern ein ganz individueller Entwurf, orientiert nach den einzelnen Möglichkeiten und Ressourcen, zu fordern.
Im Kontext der digitalen Angebotslandschaft sollte auch das Agieren über (lokale, regionale, nationale, internationale, thematische) digitale Eventformate und die Zusammenarbeit im Rahmen von digitalen Partnerschaften (vom lokalen Influencer bis zu internationalen Riesen wie Europeana oder Google Arts Project) überlegt und ggf. strategisch geplant werden. Wie das o.g. Schaubild der Digitalen Strategie an der Kunsthalle Mannheim zeigt, wachsen auch die Themen E-Learning oder „Creative Labs“ an die Museen heran und eröffnen Perspektiven kultureller Erlebnis- und Vermittlungsräume.

img
Eine digitale Strategie ist ein durchaus komplexes Gefüge aus vielen Einzelstrategien.

Auch die Vorhaltung einer digitalen Infra- bzw. Informationsstruktur (WLAN, etc.) inklusive geklärter Rechte (Fotoerlaubnis) oder Servicestrukturen kann ein Angebot an das Publikum sein. Das Handlungsfeld reicht hier vom digitalen Leihgerät oder der Handyladezone über Selfiepoints und Downloadzonen bis zur Visualisierung von eigenen Hashtags oder Feeds aus den sozialen Medien. Dabei wird deutlich: digitale Angebote können nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen in Abstimmung mit vielen anderen Strategien entworfen werden.

Sind Museen ohne digitale Angebote heute noch wettbewerbsfähig?
Nein. Doch. Das ist schwerlich zu pauschalisieren. Im Blick auf Größe, Trägerschaft, Struktur, etc. der einzelnen Häuser wäre eine Antwort notwendigerweise zu differenzieren. Für viele kleine (oder womöglich sogar ehrenamtliche) Häuser ist eine Homepage oder die Bespielung eines Accounts in den sozialen Medien schon Hochlast und Ausdruck der Möglichkeiten. Für andere Häuser ist aufgrund der Trägerschaft oder verwaltungsrechtlicher Grundlagen jegliches digitale Angebot sogar unmöglich. Die Frage kann also gar nicht sinnvoll allein aus der Perspektive der Museen beantwortet werden, sie hat wesentliche gesellschaftliche, politische und soziokulturelle Dimensionen. Gerade in Deutschland.
Und mit wem stehen die Museen im Wettbewerb? Mit anderen Häusern oder Kulturträgern in der Region? Mit YouTube oder Netflix? In der Wahrnehmung verschiedenster Zielgruppen stehen sie bereits heute in keiner Konkurrenz: sie kommen dort nicht mehr vor. Es ist zweifellos Aufgabe wieder in eine Wahrnehmung zu kommen und die notwendige Sichtbarkeit und Relevanz zu erlangen.  

Was macht ein überzeugendes digitales Profil aus?
Ein überzeugendes Profil ist authentisch, strategisch geplant, zielgruppenorientiert, strukturiert, entsteht nicht aus der Überlast oder Not und (gut gemeintem und womöglich sogar bemühtem) Dilettantismus. Ein überzeugendes Profil ist mit Verantwortung und fundierter Sicht auf das Publikum entworfen, spiegelt nicht nur das Organigramm oder die Abteilungen bzw. Hierarchien eines Hauses, es hat deutliche Rückbindung ins Haus und ist mit ausreichend Budget und zeitlichen, menschlichen Ressourcen entworfen. Es ist reaktionsfähig, gut geplant, und wird mit Kompetenz und professionellen Instrumenten geführt.  

Wie stellst Du Dir das digitale Museum der Zukunft vor?
Digitalisierung wird gerne als Entwurf für die Zukunft verstanden (und damit sehr bequem aufgeschoben). Digitalisierung ist aber eine Frage der Gegenwart und sollte im heute geplant werden. Deshalb entwerfe ich hier nichts, sondern fordere Handlung. 

8 comments

  1. Danke für diesen Beitrag! Hier ein interessanter Artikel zum Weiterlesen:
    https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/258686/augmented-reality-im-museum

  2. Konziser Beitrag, den ich zur Lektüre gern empfehle.

  3. Thorsten Wübbena says:

    Habe ich es übersehen oder gibt es keine Hinweise darauf, dass die „maschinenlesbare“ Bereitstellung der Daten in den Museen ein Thema ist? In den Strategien vermisse ich die Angebote für ext. ForscherInnen, welche die Daten prozessierbar benötigen und nicht allein durch Online-Sammlungen „schlendern“ wollen. Das MKG Hamburg ist hier sicher eine positive Ausnahme, da dort die Daten auch noch bei GitHub bereitgestellt werden – also quasi im Wohnzimmer der EntwicklerInnen und datenaffinen GeisteswissenschaftlerInnen.
    Es stellt sich die Frage, ob die o.g. Zielgruppe zu irrelevant für die Museen ist?
    Vielleicht ist aber auch schlicht erst so etwas wie die Phase I der digitalen Verfügbarmachung von Inhalten erreicht worden und das Bewußtsein für die Umsetzung von Phase II (Inhalte in „maschinenlesbarer“ Form) braucht noch eine Weile?

    1. Danke für den Kommentar! Das ist sicher auch eine wesentliche Anmerkung. Ich sehe das alles im Kontext der Gestaltung von Zugänglichkeit und Nachnutzbarkeit von Daten(banken) gebündelt, ihrer Schnittstellen und APIs und dem Entwurf von strategischen digitalen Partnerschaften. Ein weites Feld, das idealerweise aber schon in Phase I geplant und nicht erst in Phase II entdeckt wird 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwölf − zwei =

Close