Die perfekte MuseumsAPP

21. Juli 2016

Pausanio ruft zu einer Blogparade und fragt nach der perfekten MuseumsApp: “Welche Erwartungen stellen Sie an eine Museums-App? Was sollte sie mindestens können? Was ist unnötig? Wo sind die Chancen und Risiken? Was sollte sie aus Sicht der Nutzer können? Welchen Mehrwert gibt sie der Vermittlung? Wie kann sie dem Marketing dienen? Welche Impulse gibt es aus der IT? Und nicht zuletzt: Gibt es bereits die perfekte App?”. Viele Fragen für ein altes (oder immer neues?) Thema und so liefere ich doch gern ein paar Gedanken in die Landschaft.

Die neue App zum Vogelsaal im Naturkundemuseum Bamberg.

Die neue App zum Vogelsaal im Naturkundemuseum Bamberg.

App-etitlosigkeit und digtale Verlockungen
Der Aufruf zur Parade kommt in einer Zeit, auf der zum einen eher eine gewisse APP-Müdigkeit, – Skepsis (oder -Frustration) zu konstatieren ist, zum anderen aber gerade im Kontext von #PokemonGO das digitale Interagieren mit dem Smartphone auch neue Zielgruppen ins Museums lockt. Die “perfekte App” müsste also zum einen gute Antworten gegen die Stagnation haben, zum anderen auf Hypes wie #PokemonGO reagieren. Entscheidend scheint mir dabei der Gedanke, dass eine gelungene App nicht primär eine Frage der Technik ist (bei der ich einfach voraussetze, dass sie 100% funktioniert, innovativ ist und nicht nur einen Selbstzweck erfüllt), sondern eine gute Konzeption, Erzählstruktur, Didaktik, Inszenierung und ein professionelles Design benötigt. Wesentlich scheint mir auch die Frage, wer diese App initiiert und entwickelt. Auch hier geht´s nicht um brilliante Agenturen und Entwickler, – es geht um die Institution, die diese App beauftragt und eine konkrete Vorstellung über Zielgruppe, Einsatzszenario und Nutzen entwickelt. Idealerweise hat sie diese Orientierung bereits vor der Beauftragung und entwickelt sie nicht erst während oder nach dem Projekt ;-). Die App sollte als didaktische Kontruktionen gedacht werden, als Vermittlungs- und Erschließungsinstrument. Dies setzt aber auch voraus, dass man das Medium wirklich beurteilen kann und auch die Erwartungen des digitalen Publikums kennt. Genau das braucht es aber für erfolgreiche Projekte: “Understanding our audiences and evaluating the impact and value of their digital experiences” lautet eine Zauberformel der Tate.

#PokemonGO im Hirshhorn Museum (Quele: https://twitter.com/hirshhorn/status/752886526011379712?ref_src=twsrc%5Etfw)

#PokemonGO im Hirshhorn Museum (Quelle: https://twitter.com/hirshhorn/status/752886526011379712)

Der richtige Ansatz
Der richtige Ansatz beginnt also bereits bei der Planung des Projekts und endet auch nicht mit dem Moment, wo das Instrument in den Store geschoben wird: das Produkt muß weiter umworben, kommuniziert und an die Zielgruppen vermittelt werden. Es muß in die Prozesse und Abläufe des Hauses integriert werden, idealerweise hat man auch eine technische Infrastruktur (der Klassiker: WLAN), die das Instrument an das Publikum transportiert. Eine App braucht auch ein nachhaltiges Entwicklungs- und Betreuungskonzept, sonst ist sie beim nächsten Releaseupgrade auf den Smartphones der Besucher unbrauchbar oder futsch.

Ich kenne sie womöglich nicht, die perfekte App. Vielleicht ist sie auch ein Mythos oder eine ewige Hypothese, ein Appell an die ständige Entwicklung und Optimierung. Ich kenne aber viele deutlich verbesserbare Anwendungen, – und auch einige gute und spannende Anwendungen.

Erwartungen an eine perfekte MuseumsAPP habe ich aber mindestens folgende:

  • hat ein kluges inhaltliches Konzept, das mit dem Vermittlungskonzept des Hauses korrepondiert oder dieses schlüssig und sinnvoll erweitert
  • ist nicht nur eine Datenbank, Ansammlung von Informationen, sondern bietet auch ein spannendes Storytelling
  • hat klar definierte Zielgruppen und mindestens ein eindeutiges Anwendungsszenario
  • kostengünstige Entwicklung quer über alle relevanten Plattformen (und ist womöglich deshalb deutlich schlanker als eine “Wollmilchsau”)
  • macht Spaß und inspiriert (als Frage des Konzepts, des Inhalts und ausgewählter Funktionen)
  • hat ein kluges technisches Konzept (Nachhaltigkeit der Anwendung, Größe der Anwendung, Push- und Pulldynamiken, Schnittstellen, Geolokalisierung, AR und VR, etc.)
  • nutzt zuverlässige und belastbare Technologien (ob da die iBeacons dazu zählen wage ich zu bezweifeln)
  • basiert auf einem guten und professionellen Design (bitte nicht “basteln”, sondern echtes Interfacedesign und echte Usability)
  • ist editierbar (nutzt ein Content-Management-System)
  • integriert sich in die digitale Gesamtstrategie des Hauses
  • wird im Museum aktiv kommuniziert
  • liegt nicht still und sprachlos auf dem Handy, sondern ist aktuell und relevant

Ein paar schöne Beispiele:

  • Die Apps im Victoria&Albert (weil sie auf evaulierten Grundlagen und im klaren Blick auf ein Zielpublikum und eindeutige Nutzungsszenarien entwickelt wurden)
  • Die App des MET (weil sie im Grund ein klassisches Konzept hat und “einfach” ist)
  • Die ASK App des Brooklyn Museum (weil die Antworten auf Fragen, die über die App an das Museum gestellt werden, von “echten Menschen” kommen)
  • Die APP des Smithsonian (weil man in einer APP auch 19 Museen, einen Zoo, 9 Forschungseinrichtungen und mehr als 200 flankierende Museen parken kann, – ernsthaft?)
  • ArtLENS im Cleveland Museum of ART (weil sie noch immer cool ist)

ArtLens – Visitor Created Tour – Cleveland Museum of Art from Local Projects on Vimeo.

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7 comments

  1. Lieber Christian,

    ich unterschreibe so gut wie alles, was Du geschrieben hast.
    Nur zwei, drei Punkte möchte ich kommentieren.

    Du schreibst, dass die Entwicklung quer über alle Plattformen entwickelt werden soll, damit sie schlanker als eine Wollmilchsau ist. Auf der anderen Seite forderst Du aber ein kluges Technisches Konzept mit allen möglichen Funktionen ein.
    Die beiden Aussagen stehen in einem hohen Maße im Widerspruch. Wenn Du eine plattformunabhängige Entwicklung wichtig ist, dann bleibt nur der Weg über eine Web-App, die durchaus ihre Daseinsberechtigung hat. Sobald Du aber von Push, AR und VR sprichst, kommst Du um native Entwicklung nicht mehr herum. Und wenn Du zu Beginn mit einer Web-App startest, kannst Du diese später nicht einfach in eine native App umwandeln. Einfacher ist es da, zu Beginn nativ zu starten, vielleicht mit vielen webbasierten Inhalten. Aber so bleibt die Möglichkeit, die App auch später noch zu erweitern, ohne wieder von ganz vorne anzufangen.

    Der zweite Punkt bezieht sich auf die Beacons (Achtung: iBeacons heißen sie nur bei iOS, allgemein heißen sie Beacons!). Wir stehen kurz vor der Veröffentlichung unserer ersten Beacon-basierten Museums-App. Wenn man sich nicht ganz genau mit der Funktion der Beacons auseinandersetzt und ein wenig um die Ecke denkt, dann ist der Einsatz von Beacons schwierig. Wir haben ein wenig rumgespielt, ein paar Einstellungen ausprobiert und festgestellt, dass da eine Menge Murks über die Verwendung von Beacons im Internet geschrieben steht. Mit ein bisschen Intelligenz und Verständnis für die entsprechenden technischen Bibliotheken, kommt man zu einer Genauigkeit von 30 cm, ohne dass man dafür mathematisch Hochleistungen erbringen muss. Und wir setzen die Beacons sogar draußen in einem Freilichtmuseum ein. Ich bin total happy darüber, wie die Beacons funktionieren. Aber wir mussten halt auch erst einmal den Dreh rauskriegen.

    Vielleicht noch zur Ergänzung des Nicht-Technischen:
    App-Projekte in Museen brauchen fähige Moderatoren. Moderatoren, die auf der einen Seite das Projekt in der Kommunikation begleiten, auf der anderen Seite aber auch über die notwendigen technischen Kenntnisse verfügen. Denn sie müssen als Schnittstelle und Aggregator zwischen den Museumsmitarbeitern und der Technik agieren. Ansonsten entsteht ein heilloses Durcheinander. Schon einzelne Begriffe werden in den unterschiedlichen Bereichen ganz anders verstanden. Nehmen wir den Begriff “Story”. Setze drei Leute aus drei unterschiedlichen Bereichen (z.B. Agentur, Museum, Technik) an einen Tisch und lass sie über “die” Story erzählen. Du wirst feststellen, dass jeder etwas anderes erzählt.

    So, jetzt habe ich genug geschrieben. Ist ja nicht mein Blog…! Aber vielleicht sollte ich langsam mal damit beginnen, einen eigenen aufzusetzen.

    Danke, Christian.

    Martin

    1. Lieber Martin, auch Dir danke für den Kommentar. Mach Dich nur breit auf meinem Blog, – bist herzlich willkommen! Tatsächlich ist mir der Widerspruch im Konzept klar, gefragt war aber ja auch eine “perfekte App” und nicht so sehr ein realistisches Szenario. Finde Dein Konzept mit einem Startpunkt in der nativen App auch gut, zumal wir wohl noch andauernd in den Museen das Problem mit Netzempfang oder (fehlendem) WLAN haben werden. In den letzten Monaten sind mir eine ganze Reihe neuer Anwendungen im Themenkreis Beacons begegnet, die alle (kleinere oder größere) Probleme hatten. Wenn es aber wohl einen Entwickler gibt, dem ich glaube mag, dass er eine Lösung hat, dann bist das wohl Du ;-). Magst Du noch mehr über das Projekt im Freilichtmuseum verraten?

      1. Lieber Christian,

        die App des Freilichtmuseums ist noch nicht veröffentlicht, weshalb ich noch nicht zu viel verraten möchte.
        Zwei Dinge will ich aber schon einmal nennen:
        Wir habe die App für eine bestimmte Zielgruppe entwickelt, die im Normalfall aus Vater, Mutter und Kind besteht.
        Die App hat drei immer vorhandene Inhaltsebenen, die so konzipiert sind, dass sie alle drei ansprechen sollten. Eine Ebene ist mehr spielerisch aufgebaut, eine etwas oberflächlicher und eine etwas tiefer. An jeder Station des Museums stehen alle drei Ebenen zur Verfügung und können durchgewechselt werden.
        Und auch das Problem mit dem WLAN haben wir gelöst. Wir haben einen eigenen lokalen Server entwickelt, der ohne eine Verbindung zum Internet aber per WLAN die Inhalte der App vor Ort zur Verfügung stellt. Der Nutzer muss nur die kleine App über das Mobilfunknetz herunterladen. Danach verbindet er sich mit dem App-WLAN. Der Download startet automatisch, wobei sich während des Downloads per Audio die App vorstellt.

        Martin

  2. Lieber Christian Gries,

    herzlichen Dank für den tollen Beitrag! Obwohl die Frage nach Apps für Museen schon lange diskutiert wird, halte ich sie doch für sehr aktuell. Wichtig ist der Hinweis auf die ganzheitliche Implementierung. Gerade hier entfalten sich Potenziale, da Kultureinrichtungen mit der App ein Instrument in die Hand nehmen, mit dem sie den digitalen Wandel des eigenen Hauses aktiv gestalten können.

    Woher könnte die App-etitlosigkeit (ein schönes Wort!) kommen? Ist die App doch nur ein Hype oder ändern sich die technischen Möglichkeiten und Anforderungen momentan noch immer zu schnell?

    Liebe Grüße
    Jonas

    1. Lieber Jonas, danke für den Kommentar. In meinem Sichtkreis kommt die App-etitlosigkeit aus dem “Ring of Frustration”, den viele Museen in diesem Kontext in den letzten Jahren durchlaufen haben: viele, zum Teil sehr kostenintensive Projekte, die nicht einmal im Ansatz zum gewünschten Ergebnis führten. Schlechte Downloadzahlen, eher überschaubare Nutzungszahlen und dann neue Kostenstrecken bei der Wartung und Migration der Systeme. Schade freilich, wenn eine Technologie für etwas negativ bewertet wird, was das Management verbockt hat. Ich halte die App nicht für einen Hype. Eigentlich ein spannendes Instrument, das aber halt richtig verstanden und eingesetzt werden will.

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