Mobile first! – die Zukunft der Museumswebsite

9. Juli 2015

Am 30. Juni 2015 hatte die Bayerische Museumsakademie zu einer Tagung über die Museumswebsite geladen und diese bereits im Titel als “Anker” der eigenen digitalen Kommunikation markiert. In der Abgrenzung von den denkbaren anderen Aktivitäten im digitalen Raum, insbesondere Socialmedia, referierte eine Handvoll Experten über Rechtsfragen, Barrierefreiheit, Usability, Interaktivität und die Wertigkeit der klassischen Website. Tanja Praske hat auf Ihrem Blog bereits eine lesenswerte Zusammenfassung der Veranstaltung geliefert. Da ich zur Tagung selbst über “Geschichte, Bedeutung und Strukturwandel der Museumswebsite” beitragen durfte, möchte ich hier ein kurze Anmerkung geben.

Das ewige Herzstück der digitalen Kommunikation: die eigene Website
Bei allem Tempo und Wandel, der das Digitale prägt, gibt es wenige Konstanten. Eine dieser Konstanten ist und bleibt die klassische Website. Ungeachtet jeder Programmierung, Ästhetik oder Struktur, – über eine Website wurde und wird ein Museum, wie jede andere Einrichtung, im Netz fixiert. Das Aufgabenspektrum umfasst dabei Parameter der Sichtbarkeit, Reichweite und Wahrnehmung und der Informationen bzw. Inspiration für den (zunächst) digitalen Besucher. Die Website ist und bleibt für viele Besucher der erste Kontakt- und Ansatzpunkt und verhindert, gerade in Zeiten von Socialmedia, das haltlose Driften durch flankierende digitale Strukturen. Von der Handvoll Websites im Jahr 1993 bis zu den vielen Millionen der heutigen Tage, in der Evolution des Web, von der ersten Suchmaschine bis zu den komplexen Strukturen des heutigen Google, hat sich aber eine Menge gewandelt. Und gerade in den letzten Monaten macht sich eine Veränderung bemerkbar, die ein dramatisches Umdenken und einen Neuansatz bei der Konzeption, Entwicklung und Betreuung der Website erfordert.

hitsorie

Entwicklungsgeschichte der Museumswebsite: das “Heute”

Seit Verfügbarkeit des Netzes: 3-4 Relaunches einer Museumswebsite
Ein Blick auf die Historie vieler Museumswebsites zeigt, dass die meisten Häuser seit 1993 ca. 3-4 Relaunches der eigenen Website durchgeführt haben. Von den ersten (vielfach nicht selbst initiierten) Websites bis zu den großen Portalen der heutigen Tage (als Beispiele habe ich Lenbachhaus, Haus der Kunst, Pinakothek und Deutsches Historisches Museum Berlin betrachtet und über die WaybackMachine die Vorgängerversionen recherchiert) sind die Websites zunächst von einem reichen Wachstum der inneren Strukturen und technischen Parameter gekennzeichnet. Der Wachstum bezeichnete über beinahe ein Jahrzehnt insbesondere Inhaltsbereiche bzw. Funktionen, experimentierte mit Parametern der Interaktion und professionalisierte sich dann in ausgewählten Servicebereichen (wie der Presse-Area oder dem guten alten Newsletter) und flankierenden Informationseinheiten (wie Datenbanken, Microsites oder Digitalisierungsprojekten). Erst in den letzten Jahren wurden auch Parameter der eigenen Digitalität erfasst und eine vorsichtige Expansion in flankierende Technologien (Apps), Netzwerke und Plattformen (Wikipedia, Facebook, Twitter aber auch kulturrelevante Strukturen wie das Google Art Project) betrieben.

Skizze zur Arbeitsstruktur der Digitalität eines Museums

Skizze zur Arbeitsstruktur der Digitalität eines Museums

Die Digitalität eines modernen Museums
Heute hat sich die technische Struktur der meisten Websites weitgehend verstetigt und lebt von ästhetischen Überarbeitungen, strategischen Neuausrichtungen, der Multiplikation vorhandener Instrumente und Informationen und dem “Personalwechsel”. Die Website ist längst Standard und der Arbeitsaufwand für die Institutionen im komplexen digitalen Gefüge erheblich gestiegen. Die Akteure agieren zwischen Webdevelopment, Content Produktion, Community Building, Live Kommunikation, SEO und eMail Marketing. Und doch steht noch ein entscheidender Wandel an, der ein strategisches Umdenken in jeder Hinsicht erfordert:

Mobile first!
Soweit in den Museen bereits ein Monitoring der Zugriffe auf die eigenen Websites betrieben wird (und dazu ist dringend geraten), macht sich eine gravierende Veränderung bemerkbar: immer mehr Zugriffe kommen über mobile Nutzer. Der durchschnittliche Surfer geht nicht mehr wie früher mit seinem Desktop-PC auf eine Website, sondern nutzt eine Vielzahl von Devices: beim Frühstück das Smartphone, in der Arbeit den Desktoprechner, am Abend das Tablet. Der schnelle Wachstum der mobilen Zugriffe lässt sich mittlerweile direkt aus dem Reporting lesen: zwischen 47 und 50 % der Nutzer surfen derzeit bereits mobil auf die durchschnittliche Museumswebsite. Und die Quoten wachsen rapide. Wer also die eigene Seite nicht für den mobilen Zugriff optimiert hat, wird über kurz oder lang ein deutliches Problem bekommen. Hier wächst eine Kür zur Pflicht.

Wachstum der mobilen Zugriffe auf eine Museumswebsite (via Google Analytics).

Beispielhaft: Wachstum der mobilen Zugriffe auf eine (von mir anonymisierte) Museumswebsite (via Google Analytics).

Nur wenige Häuser haben diese Anforderungen bereits begriffen und reagiert. 2014 zählten Jörn Brunotte und Michael Müller in einer Stichprobe bei 100 Museumswebsites gerade ein Viertel, die erkennbar auf die neuen Anforderungen reagierten. Viel zu wenige! Auf der anderen Seite sind heute große Häuser wie das Städel zu nennen, die diese Entwicklung genau im Auge haben und darauf reagieren, ja sogar mit internationaler Anerkennung dafür Preise bekommen: so hat das Städel hat mit dem speziell für den mobilen User konzipierten Digitorial 2015 den Grimme Online Award gewonnen.

Was aber bedeutet dieser Strukturwandel für die Websites der Museen?
Die Antwort ist so einfach wie komplex: wer nicht für den mobilen Zugriff baut und optimiert, wird sein digitales Publikum verlieren. Der “mobile Zugriff” ist dabei leider zunehmend komplexer anzusetzen. Allein die “Android Fragementation” erfordert eine Optimierung der digitalen Angebote für fast 4.000 verschiedene Modelle. Das ist mit klassischem Design und den etablierten Entwicklungsabläufen nicht mehr zu leisten. Früher konzipierte der Grafiker eine Website für den DesktopPC und entwickelte dann ggf. eine mobile Ansicht dazu. Heute werden wir den Prozess umkehren und die maximale Dynamik in den Fokus nehmen müssen: der Entwurf beginnt beim mobile device, plant mit kleinsten dynamischen Einheiten in Pattern bzw. Grids und intendiert eine responsive Website. Responsive ist kein Trend. Es ist ein evolutionärer Schritt. Bitte sagen Sie das Ihrem Hausgrafiker.

Meine Präsentation zum Vortrag:



5 comments

  1. Lieber Christian,

    merci für die Nennung – wichtiger ist, dass du deinen Vortrag so treffend zusammenfasst und auf den Nenner bringst: mobile first – das war für mich auch das Fazit der Veranstaltung. Eigentlich eine sehr einfache Maßnahmen, die sicherlich komplex hinsichtlich der Technik sein kann, aber Standard sein muss.

    Herzlich,
    Tanja

    P.S.: Ich werde den Post noch bei mir einbinden!

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