Kulturbegrifflichkeiten, analog und digital.

7. Juni 2015
Piero Manzoni. Merda d’artista N.° 038 (Künstlerscheiße N. 038), 1961 Privatsammlung © Fondazione Piero Manzoni, Milano

Piero Manzoni.
Merda d’artista N.° 038, 1961
Privatsammlung
© Fondazione Piero Manzoni, Milano

Über Kultur
Meinen Kulturbegriff definieren? Nicht nur, dass der sich per se weit fassen lässt (Manzoni gehört da fest und von Herzen dazu). Im Alltag wird das Wort ”Kultur” ja mittlerweile in so vielen Farben und Zusammenhängen gebraucht, dass man von einer schier endlosen Bedeutungserweiterung bis zu einer Sinnentleerung diskutieren könnte. Zudem ist die ”Kultur” zu einem idiomatischen Bestandteil zahlloser Komposita geworden: von der Alltagskultur, Diskussionskultur, Streitkultur, Esskultur, Firmenkultur, Populärkultur, Subkultur bis zu Wortprägungen wie Kulturlandschaft, Kulturnation, Kulturkompetenz, Kulturtechnik oder Kulturkonsorten ;-).

Meine subjektive Kulturphalanx: digital und analog.
Aber ich will nicht unken und liefere gerne zu Tanjas Blogparade einen kleinen, leidenschaftlichen Beitrag ein. Eine subjektive Phalanx, die von einer Unzahl eigener intensiver Erlebnisse in den Museen, Theatern und Konzerthäusern der Welt getragen wird und sich längst ins Digitale fortsetzt. Die das stille Stakkato bei Cy Twombly und die Farbsymphonien von Mark Rothko belauscht, ein im Bühnenraum verhallendes Wort von Goethe verfolgt und ein Prelude von Chopin verkostet. Die sich mit gleicher Leidenschaft in einen, zum Glück, unsterblichen Schlingensief vertieft und sich beim tagelangen Durchwandern großzügiger Ausstellungen in den Kasseler Fuldaauen oder dem trockenen Staub des Arsenale in Venedig erschöpft. Oder mit Freude in die kleinen großen Gedanken von Porombkas “Goldigkeit” zieht und im Echo einer fernen Seifenblase auf Instagram verliert. Eine Phalanx, die sich heute mehr als früher auf die Visionen von Grünewald oder Rembrandt einlässt und im digitalen Erlebnisraum auf gleicher Ebene sehens- und hörenswerte Vertiefungen findet. Die über den Mond von Ai Weiwei und Olafur Eliasson spaziert, Kulturdaten auf Reisen ins All schickt oder auch in Beton packt. Eine Phalanx, die mit dem Roboter nachts durchs Museum trollt oder Künstler(bots) ewig leben läßt (On Kawara: “I am still alive“) und, dann doch immer und irgendwie seit Jahrzehnten schon, mit den alten Expressionisten den ewigen Aufbruch in die Moderne und ein neues Denken fordert. Die sich schließlich oder mindestens zum tausendsten Mal bei Paul Klee und seiner stillen Andacht im “Angelos Novus” bündelt und sofort im Drama um die Geschichte dieses Werks wieder eskaliert.

Im Ozean
In diesen Ozean der analogen und digitalen Erlebnisse, Bedeutungen, Erlösungen und Utopien werfe ich aus professioneller Sicht aber gerne noch die Themen des wachsenden Prekariats und einer vermeintlich digitalen Unmöglichkeit, “wo Zombies und Untote aus den creative industries in Ghettos wohnen” und “Niemand” durch die Institutionen schweift. Eine Kultur wird getragen von den Menschen die sie schaffen, ermöglichen und begleiten. Kultur ist ein Orientierungssystem und im 21.Jahrhundert nicht mehr als geschlossenes System denkbar. Der Herdersche Kulturbegriff ist überholt, wir brauchen neue Konzepte, die nicht nur das Zusammenwohnen verschiedener Kulturen respektieren, sondern auch das permanente geistige und physische Eintauchen eines jeden Individuums in andere Kulturen und -ebenen ermöglichen und beschreiben. Kultur braucht das Sichtbare und Unsichtbare, das Analoge und Digitale, den großen und den kleinen Platz. Und sie braucht Menschen die diesen Raum mitdenken, gestalten und weiterentwickeln – und nicht nur verwalten. Vor und hinter den Mauern. Mit Mut zum Experiment und zur Perspektive.

Dieser Blogbeitrag erscheint im Kontext der Blogparade #KultDef von Tanja Praske.



7 comments

  1. so eine Lektüre wünscht man sich für einen sonnigen Sonntag auf dem Balkon. Aber eigentlich ist der Text viel mehr eine Einlasung zum Dialog und fängt ja erst an, an den Oberflächen bestimmter Themen zu kratzen. Kultur als Orientierungssystem sei hier nur beispielhaft genannt. Dank der cultural studies wurde der Begriff ja sehr geweitet und hat es überhaupt erst erlaubt soziale Gruppen adäquat zu erforschen und ihre innere Logik zu beschreiben und zu begreifen. Was schön ist, ist dass sich der Begriff der Kultur von der “Hochkultur” abzulösen beginnt. Kultur war und ist ein Verständnis von Zeichen und Regeln, das Orientierung bietet. Daran hat sich nie etwas geändert, neu ist unsere Wahrnehmung dafür und die scheinbare Ausdifferenzierung ins Unendliche.
    Etwas wirr, aber in Vorbereitung eines eigenen Textes zur Blogparade.

    Markus

  2. Lieber Christian,

    wunderbar, herrlich, grandios! Was für ein wortgewaltiger und leidenschaftlicher Ritt durch dein Kulturverständnis, ein riesengroßes Vergnügen das zu lesen! Ich stimme mit Markus überein, dass die Diskussion erst am Beginn ist. Die Gedankenanstöße, die die bisherigen Teilnehmer von #KultDef (mittlerweile sind es schon fantastische 16 Beiträge) gegeben haben, sind ein großer Fundus für Auseinandersetzung.

    Klar ist auch, dass es Mut zum Experiment und Wille zur Gestaltung geben muss und da bist du ein ganz großer Vorreiter und Vorbild, auch für mich. Ich liebe deine launischen Gedanken zum Kulturbegriff und freue mich auf viele gemeinschaftliche Ping Pongs im Netz und real vor Ort!

    Herzlich,
    Tanja

    P.S.: Markus, freue mich auch auf deinen Beitrag und bin sehr gespannt!

  3. Lieber Christian,

    wenn ich mal wieder Frust habe, dann lese ich mir einfach deinen Text durch. Da wird man so schön mitgenommen. Auf einen zauberhaften Ritt durch die Kultur. Das erhebt und zeigt, was die Menschen mit Kultur für geniale Erfahrungen machen können. Und dass von dieser Begeisterung auch viel im Netz ankommen kann, finde ich auch. Das Analoge und Digitale – die Kultur ist das, was es so lohnenswert macht!
    In diesem Sinne herzliche Grüße von der Kultur-tussi

  4. Lieber Christian,

    ich habe mich dem Thema von etwas andere Seite genähert, aber dieser Passus trifft sich mit meinen Überlegungen ( http://www.beramus.de/2015/06/culture-isnt-dead-it-just-smells-funny/ )!
    Bei dir heißt es: “Eine Kultur wird getragen von den Menschen die sie schaffen, ermöglichen und begleiten. Kultur ist ein Orientierungssystem und im 21.Jahrhundert nicht mehr als geschlossenes System denkbar. Der Herdersche Kulturbegriff ist überholt, wir brauchen neue Konzepte …” An diesen “neuen Konzepten” liegt mir sehr. Dass das, was “Kultur” ist, breit diskutiert würde – analog etwas zur Bildungsdiskussion. Kultur als “Grundnahrungsmittel” und nicht als “Dessert”.
    Wünschen würde ich es mir!
    In diesem Sinn sonnige Grüße aus Berlin
    Jörn

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