Wenn sich Museen ins Digitale erweitern: die Exponateplattform des Städel (ein Preview)

13. März 2015

Eben noch hatte ich über Digitale Visionen gesprochen, – und schon eine auf dem Tisch. Zwar noch ein Preview, aber der hat es in sich. Eben kein Traumbild oder digital motivierte Sinnestäuschung, sondern eine Realität, die mit visionärem Impetus entwickelt wurde. Entschuldigung,  aber ich bin begeistert: ein erster Blick auf die Exponateplattform des Städel, die in einer Beta-Version ab dem 15. März 2015 unter www.digitalesammlung.staedelmuseum.de aufrufbar sein wird.

Schlendern im Städel: die digitale Exponateplattform

Schlendern im Städel: die digitale Exponateplattform

700 Jahre Kunstgeschichte “digital erschlendern”
Schlendern ist ja nun eine gesetzte und ruhige Art der Fortbewegung. Man hat nicht wirklich eine vorgegebene Bewegungsrichtung, dafür aber Zeit für Inspiration und Muße, für erschaute Details und die bewusste Reflexion. Der Schlenderer kann sich treiben lassen oder gezielt in eine Richtung laufen. Er bewegt sich behutsam und läßt sich zu Spontanem verführen. Durchaus Konturen einer Struktur, die wir nicht a priori mit dem Digitalen verbinden, – das ja gemeinhin eher der Beschleunigung und dem unreflektierten Massenkonsum verpflichtet wird. Aber durchaus eine Tempovorgabe, die man auch als Besucher im gemeinhin realen, also dem gebauten, Museum praktiziert.

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Digitale Erweiterung des Städel Museums (Foto: Städel Museum)

Die Digitale Sammlung
Die Digitale Sammlung des Städel beruht auf dem umfassenden Datenfundus des Museums und eröffnet eine semantische Suche durch zunächst 600 (bis zum Jahresende 1.500) Objekte, die sowohl kunstwissenschaftliche Interessen bedient als auch individuelle Suchpfade nach intuitiven und assoziativen Kriterien ermöglicht. Dafür bietet die kostenlos zugängliche, cloudbasierte Exponate-Plattform großformatige Abbildungen, multimediale Inhalte sowie weitere vertiefende Informationen (die Pressemitteilung benennt derzeit verfügbare 52.000 Detailinformationen) zu den Kunstwerken. Diese kontextualisieren die Objekte auf sinnfällige, oft aber auch überraschende Weise. Aus der semantischen Aufbereitung der Daten interner und externer Quellen ergibt sich ein reicher Contentpool mit rund 100 Datenfeldern zu jedem einzelnen Kunstwerk. Zu jedem Objekt erhält der Nutzer Abbildungen in brauchbarer Qualität, vielfache Informationen in unterschiedlichen Medien sowie eine Übersicht zur Ausstellungsgeschichte, Textbeiträge oder bis zu neun Audioguide-Spuren und Filmangebote. Was das Städel mit der Plattform sehr schön deutlich macht: bei digitaler Vermittlung geht es eben nicht nur um Information, sondern eben auch um Inspration.

Tischbein, Goethe und die Plattform

Tischbein, Goethe und die Plattform

Motive, Stilrichtungen, Wirkungen, Stimmungen
Die bislang verfügbaren Exponate lassen sich nach Kategorien wie Motiv, Stilrichtung, Wirkung (auf den Betrachter) oder Stimmung (im Bild) sortieren. Die Grundlage der Datenbank ist eine ausführliche bzw. manuelle Verschlagwortung der Werke, wie sie das Städel ja schon früher ansatzweise auf der eigenen Website eingesetzt hatte und die in Zusammenarbeit mit dem Bildarchiv Foto Marburg umgesetzt wurde. Von der “Madonna” über “Pop-Art” und “melancholisch” bis “Hoffnung” werden vielseitige Strukturen abgebildet. Von Ives Klein und seiner “Kleinen Nachtmusik” aus dem Jahr 1960 lassen sich so Verbindungen zu Louis Eysen (“Stimmung”), Joseph Beuys (“Bildelemente”) oder Karl Otto Götz (“Hauptmotiv”) entdecken. Von Lucas Cranach d.Ä. gelangen wir genauso zu Annibale Carracci wie zu Dora Maar. Damit werden hier Assoziativketten ermöglicht, die sich im Museum vor Ort eben nicht (oder nur schwerlich) gehen lassen. Vielleicht wäre dann igendwann auch sinnvoll das Tagging komplett dem Publikum zu öffnen.

Eine Community für die Plattform
Die Besucher der Plattform können sich über eigene Logins Profile anlegen, Werke favorisieren, Pinnwände und Alben erstellen und sogar die eigenen Schlenderwege zurück verfolgen. Da der Login ohnehin bereits mit Facebook und Google Plus verknüpft werden kann wird es spannend zu beobachten sein, ob die Plattform auch mit der bereits vorhandenen großen digitalen Community des Museums verknüpft wird oder sich als hermetischer Bereich im klassischen Web manifestiert.

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Kontextualisierungen und Verschlagwortungen in der Exponate Plattform

 

Weitere Besprechungen zum Projekt:
Helge David, Der digitale Flaneur – Preview zur digitalen Exponate Plattform des Städel (11.03.15)
Tanja Neumann, Das Städel lädt zum digitalen Flanieren – in Preview (12.03.15)



5 comments

  1. Lieber Christian,
    ein schöner Blick auf die Beta Version der Exponateplattform!
    Und eine wirklich tolle Idee des Städel Museum einigen Kulturbloggern einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren, um bereits im Vorfeld des Release die Neugierde der Leser zu wecken!
    Viele Grüße aus dem Norden

  2. Das klingt nach einem wirklich spannenden Projekt! Endlich ein deutsches Museum, das seine Vermittlungsarbeit noch mehr ins Internet verlagert. Ich bin gespannt, die Plattform selbst einmal auszuprobieren und zu beobachten, wie das Konzept angenommen wird.
    Herzliche Grüße,
    Marlene Hofmann

  3. Lieber Christian Gries,
    ganz herzlichen Dank, dass Sie unsere Städel Digitale Sammlung vorab schon einmal vorstellen konnten – nun ist sie unter http://www.digitalesammlung.staedelmuseum.de allen Interessierten öffentlich zugänglich und wir freuen uns auf Austausch und Feedback.

    Die Städel Digitale Sammlung geht als Beta-Version an den Start, sodass nicht nur stetig neue Werke und Informationen hinzukommen, sondern wir auch an der Umsetzung neuer Funktionen arbeiten. Anregungen nehmen wir deshalb sehr gern unter digitalesammlung@staedelmuseum.de auf. Vielen Dank auch für Ihren Hinweis, eventuell auch Tagging durch User einzubinden – gern prüfen wir diese Möglichkeit.

    Mit besten Grüßen aus dem Städel
    Silke Janßen

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