Der Besucher im Spiegel – ein Appell für das Fotografieren im Museum

4. Februar 2015
Tweet der Kunsthalle Bremen mit einem #MuseumSelfie im Spiegel (Quelle: https://twitter.com/Kunsthalle_HB/status/561146853048459264)

Tweet der Kunsthalle Bremen mit einem #MuseumSelfie im Spiegel (Quelle: https://twitter.com/Kunsthalle_HB/status/561146853048459264)

Anke von Heyl hat zur Feldforschung im Themenbereich #Museumselfie gerufen. Ich nehme diesen Ruf gerne auf und blicke auf die Kunsthalle Bremen, die derzeit mit dem Topos experimentiert und dafür eine Spiegelwand nutzt, auf die Motive aus Gemälden von Emile Bernard appliziert wurden. Eine schöne Idee in Bremen, wo man sich schon länger ambitioniert Gedanken um neue Zielgruppen und Kulturtechnologien macht.
Tatsächlich finden wenige Gegenstände in den fotografierten Selbstportraits der Museumsbesucher so leidenschaftlich Verwendung wie der Spiegel, – und kaum ein Gegenstand läßt sich mit solcher Deutlichkeit durch die Kunstgeschichte bis zum modernden Museumselfie verfolgen. Zeit also, sich das Ganze etwas genauer anzusehen.

Das MuseumSelfie und der Spiegel
Der kürzlich in den sozialen Medien durchlaufene MuseumSelfie Tag produzierte gut 27.000 Fotos von mindestens 13.000 Teilnehmern aus der ganzen Welt, die vorwiegend via Twitter und Instagram geteilt wurden. Ein gut Teil dieser Fotos zeigt Menschen im Museum in Aktion mit einem Spiegel oder einer spiegelnden Fläche. Damit zitiert die visuelle Geste des Selfies ein klassisches Kompositionselement, das an keinem Ort so geeignet scheint, wie in einem Museum. Als “neutralste Prothese” hilft der Spiegel, frei nach Umberto Eco, visuelle Reize wahrzunehmen und an Orte auszudehnen, wo Augen nicht hingelangen.

„Michelangelo Caravaggio 065“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Michelangelo_Caravaggio_065.jpg#mediaviewer/File:Michelangelo_Caravaggio_065.jpg

„Michelangelo Caravaggio 065“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/

Der Spiegel in der Kunst
Parmiganino, Jan van Eyck und Vermeer haben ihn benutzt, Umberto Boccioni und Eduard Manet auch. Das 19.Jahrhundert zitierte ihn mit großer Leidenschaft (dazu eine beachtliche Gemäldesammlung von Janita Mantel auf Pinterest), das 20.Jahrhundert nicht minder (Pablo Picasso, Henry Moore oder Louise Bourgeoise) und erst recht die Gegenwart: Dan Graham, Michelangelo Pistoletto, Damian Hirst, Gerhard Richter, Olafur Eliasson oder Yayoi Kusama, Simon Starling und viele andere. Der Einsatz des Spiegels, als Bildelement, Medium oder Metapher, verbindet die Jahrhunderte. Der Spiegel taugt als Lehrstelle von Welterkenntnis und die Reflexion als Kulturtechnik vom antiken Materialismus der Mythen bei Ovid oder Pausanias bis zum mittelalterlichen Idealismus der Laster und Tugenden. Spiegel-Szenen wurden zu allen Zeiten konstruiert und die Umsetzungen umfassen einen Bedeutungsraum vom formal-ästhetischen Element über die wörtliche Reflexion des Spiegelbildes bis zu den schillernden Farben des Narzissmus und der Vergänglichkeit.

Die andere Wahrnehmung
Die Spiegel macht immer eine weitere Ebene sichtbar und gestattet eine andere Wahrnehmung. Dies trifft dann nicht nur auf den Spiegel selbst, sondern auch auf glänzende Oberflächen zu und macht deutlich, warum gerade die Arbeiten von Jeff Koons als Ursprungsquelle des #MuseumSelfie gelten. Der Betrachter erlangt einen Blick auf sich selbst und sein Umfeld. Über das Spiegelbild und das Erkennen des Eigenen und Bekannten schärft er seine Wahrnehmung auch für das Fremde und Andere. Zudem öffnet der Spiegel auch einen theoretischen Diskurs, die sich etwa in den Überlegungen des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan zum sog. Spiegelstadium des Menschen manifestiert.

Detail aus: "Die Arnolfini Hochzeit - Hochzeitsbild des Giovanni Arnolfini und seiner Frau Giovanna Cenami", 1434, Öl auf Holz

Detail aus: Jan van Eyck, “Die Arnolfini Hochzeit”, 1434, The National Gallery/Washington

Der Spiegel bei Jan van Eyck und Diego Velazquez
Eines der frühesten Bilder, das mit dem Motiv des Spiegels spielt und ihn als Phänomen der Raumausdehnung nutzt, ist die Hochzeit des Giovanni Arnolfini von Jan van Eyck. Der gekrümmte Konvexspiegel ist über den Händen des Brautpaares positioniert und gibt sowohl das Geschehen im Raum, als auch zwei Trauzeugen außerhalb des eigentlichen Bildraumes wieder. Der Rundspiegel hebt die Trennung von Bild– und Betrachterraum auf und schafft doch ein zusammenhängendes Ganzes.

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Detail aus: Diego Velázquez, Las Meninas (Die Hoffräulein), um 1656, Prado/Madrid

Ein weiteres berühmtes Gemälde das dem Spiegel eine besondere Bedeutung verleiht, sind die Las Meninas von Diego Velazquez aus dem Jahre 1656. An der hinteren Wand des Raumes, hinter der Infantin und an zentraler Stelle in der Gesamtkomposition, ist ebenfalls ein Spiegel zu sehen. Auch dieser führt wieder zwei Personen vor Augen: diesmal handelt es sich um die wichtigsten Figuren im Bild, König Philip IV. und seine Frau. Der Spiegel öffnet das Sichtbare und schaltet dem Realen eine virtuelle Dimension hinzu. Ein kokettierender Dialog mit der Umgebung und dem Selbst, den Velazquez auch bei seiner “Venus vor dem Spiegel” visualisierte.

Die ideale Umgebung eines MuseumSelfie: der Spiegel
Es gibt sicher mindestens zwei Antworten auf die immer stärker ins Museum drängende und durchaus problematische digitale Geste unserer Gesellschaft, mit dem Foto das eigene Ich auch im musealen Umfeld zu dokumentieren: man kann es verbieten oder gestalten. Wir werden den Einsatz der Technik aber niemals aufhalten. Was nicht legal passiert, geschieht dann eben im Freiflug. Michelle vanderVeen hat die Problematik hinter dieser Frage und mögliche Antworten  jüngst skizziert. Ich persönlich halte es für dringend geboten nur das “Gestalten” zu akzeptieren und den Boden nicht ausschließlich den Juristen, Copyrightverletzern bzw. deren Jägern zu überlassen. Daher fordere ich die Museen auf eigene Ideen in das Thema einzubringen. Der dezidierte “Selfieplatz” (die “SelfieStation”) und das Instrument des Spiegels sind sicher nur eine Variante, – aber womöglich eine gute. Gebt den Besuchern Platz für Ihre, auch digitale, Kreativität!

 

 

Wer möchte findet hier eine umfangreiche Literaturliste zum Thema des Spiegels in der Kunst.



5 comments

  1. Lieber Christian,

    wunderbarer Beitrag! Und danke für die ausführliche Runde durch die Kunstgeschichte! Dann schicke ich zukünftig immer den Link hierzu mit, wenn ich mich mal wieder mit Kollegen streiten muss, weil sie Museumselfies dämlich finden :-)

    Ich kann übrigens noch ein Beispiel aus der Kunst ergänzen: R. Rauschenberg hat in seinem Combine Painting “Black Market” mehrere Metall-Klemmbretter appliziert. Unter denen befanden sich Listen. Aber er spielte auch mit dem Spiegeln der Besucher in diesen. Kunst und Leben verbinden, den Betrachter aktiv in das Geschehen einbauen. Das sind Aspekte, mit der Rauschenberg und andere Pop-Art-Protagonisten die Kunst revolutionierten. Leider funktionieren viele Werke im Museum nicht mehr so, wie sie geplant waren. Aber warum sollten wir einen Schritt hinter das zurücktreten, was die damals gewollt haben.

    Ich bin sehr gespannt auf die Session beim stARTcamp in Münster, bei der ich auf eine spannende Diskussion mit vielen Lösungsvorschlägen setze.

    1. Liebe Anke, danke für Deinen Kommentar. Mir geht’s vor allem auch darum deutlich zu machen, dass man mit den Selfies eben auch Themen bespielen kann, die im Museum längst einen Platz haben. Die Besucher bringen heute ein Mastertool der möglichen Vermittlungsarbeit selbst mit. Wir müssen Ihnen dann nur den sinnvollen und reflektieren Umgang ermöglichen. Und ja, wenn man sich auf das Thema der spiegelnden Flächen erst einläßt, wird’s schnell ein großer Spaß :-)

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