Digitale Visionen. Das Schweigen auf den deutschen Museumswebsites.

27. Februar 2015
Domenico Puligo (1492-1527), The Vision of Saint Bernard, Creative Commons durch das The Walters Art Museum, Baltimore (US), http://art.thewalters.org/detail/29061/the-vision-of-saint-bernard/

Domenico Puligo (1492-1527), The Vision of Saint Bernard (Detail), Foto: Creative Commons durch das The Walters Art Museum, Baltimore (US), Bildquelle: http://art.thewalters.org/detail/29061/the-vision-of-saint-bernard/

Keine digitalen Bekenntnisse
Bei der Lektüre eines Artikels in der New York Times “No Detail Goes Unnoticed When Art Is a Click Away. Art Museums Are Increasingly Adding Their Collections Online” frage ich mich, ob und wo auf den Websites deutscher Museen über Sinn und Zweck des eigenen digitalen Tuns reflektiert, womöglich sogar einmal eine eigene Zukunftsvision formuliert wird? Nicht dass ich da ein großes digitales Bekenntnis erwarten würde, aber vielleicht ein wenig mehr als den Hinweis auf eine “besondere Reise durch eine Online Collection” oder eine Liste mit neuen Digitalisierungsprojekten? Ein paar Gedanken, ein wenig Vision über mögliche Strategien oder die Perspektive der eigenen Digitalität. Wohlgemerkt: keine Projektbeschreibungen, die sich mittlerweile (zum Glück) zahlreich im musealen Kontext im Netz finden. Es geht um selbstständige und eindeutige Positionen, die eine nachhaltige Perspektive markieren und ein überzeugendes Verständnis für die Zusammenhänge des Digitalen formulieren. Solche Ankündigungen sollten in das Selbstverständnis des Museums integriert und auf dem Herzstück digitalen Seins, der Website, als dem zentralen Organ der eigenen Digitalität, als Selbstverpflichtung formuliert werden. Sonst fürchte ich mit Parmenides von Elea, daß man “das Nichtseiende weder erkennen (es ist ja unausführbar) noch aussprechen kann”. Oder sind derartige Bekenntnisse einfach zu gut versteckt, als das man sie leicht finden kann? Mir ist es jedenfalls nicht (oder kaum) gelungen.

“Über uns”
Üblicherweise würde man so eine Mission Statement auf den Websites in den Kaskaden des “Über uns” erwarten, wo sich seit Jahren in fast kanonischer Formulierung die Selbstbeschreibungen (-beschränkungen?) vieler Häuser ergießen. Aber da ist wenig zu finden. Die deutschen Museen schweigen sich weitegehend aus. Wir finden Positionen zum Datenschutz, zu den eigenen Datenbanken (Berlin), zu Angeboten wie Wifi und auch schon mal zum eigenen Engagement in den sozialen Medien: “Die Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz nutzen soziale Medien und Netzwerke um über ihre Veranstaltungen und Ausstellungen zu informieren, Inhalte über Museen und Sammlungen zu teilen und eine Plattform aufzubauen, auf der interessierte Nutzer sich untereinander austauschen können“. Gerne aber bleibt man informell und sachlich und betont den wissenschaftlichen Charakter des digitalen Tuns: “Das Lebendige Museum Online (LeMO), eine Kooperation mit dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und dem Bundesarchiv, ist ein virtuelles Museum. Es bietet wissenschaftlich fundierte Informationen sowie eine große Sammlung an Text- und Bildquellen zur europäischen Geschichte von 1850 bis zur Gegenwart an“. Wie lange schon erscheint Max Hollein als einsamer Rufer, wenn es um das “digitale Schlendern” und die “Erweiterung des Bildaungsauftrags” geht? Ja, ich bin auf die anstehende “Digitale Erweiterung” des Städel sehr gespannt! Und blicke mit Hoffnung auf das Grazer Joanneum, das zwar nicht auf der eigenen Website, wohl aber dafür (umso ausführlicher) auf dem eigenen Blog über digitale Strategien sinniert: “Wir wünschen uns, dass  der Blog und andere Social-Media-Strategien zukünftig vermehrt zu Teilen der Konzeption eines Projektes werden, damit wir proaktiv Ideen einbringen können, um die Reichweite zu erhöhen“.

tate

Ton und Bekenntnisse im Ausland
Den deutschen Duktus möchte man gerne mit entsprechenden Bekundungen im Ausland kontrastieren.  Bei der Tate heißt es “through embracing digital activity and skills across the organisation Tate aims to use digital platforms and channels to provide rich content for existing and new audiences for art, to create and nurture an engaged arts community and to maximise the associated revenue opportunities. We will achieve this by embracing digital activity and developing digital skills across the organisation”. Hier wird ein digitales Publikum markiert und der Blick auf Potentiale und Möglichkeiten vermittelt. Auch das British Museum in London denkt das Digitale weiter und macht dessen Wertigkeit im Kanon der musealen Aufgaben deutlich: “The website is not merely a source of information about the collection and the museum, but a natural extension of its core purpose to be a laboratory of comparative cultural investigation.”. Beim  Walker Art Center spricht man sogar von einer Mission: “its mission through the use of innovative forms of digital technologies, particularly the Internet, and to create new educational and artistic projects”. Und zuletzt ist es aus wieder das Metropolitan Museum, das den analogen und digitalen Besuch in ein schönes Mit- und Nebeneinander verschraubt: “The Digital Media Department leads the creation, production, presentation, and dissemination of multimedia content to support the viewing and understanding of the Met’s collection and exhibitions, both within the galleries and online.”
Also los, liebe Museen in Deutschland, sprecht über eure Visionen und zeigt eure Sicht auf das Digitale. Ihr seid zu leise!



6 comments

  1. Lieber Christian,
    wunderbar, mal so einen Appell loszulassen! Es ist Balsam auf meine Seele :-) Nein wirklich. Denn ich habe nach so manchem Gespräch, in dem ich mir den Mund fusselig rede, das Gefühl, als wenn ich völlig utopische Dinge vorschlage. Ganz richtig lenkst du den Blick über den Teich … aber es scheint nicht so, als würde sich die Kluft zwischen angelsächsischer Wirklichkeit und deutschem Museumsalltag in absehbarer Zeit schließen. Es gibt zwar immer wieder Beispiele von engagierten Menschen in Museen, die Freude machen. Aber dass sind oft genug auch hart erkämpfte Aktionen, habe ich das Gefühl. Es hängt an der Bereitschaft einzelner, sich über die Maßen ins Zeug zu legen. Das ist auf Dauer anstrengend.
    In der Tat, auf die Digitalisierung im Städel bin auch ich gespannt. Lustig, immer wenn ich mit der Vorbild-Funktion des Städel daherkomme, dann wird direkt empört gerufen: Ja, aber die haben ja auch viel mehr … Geld, Personal … whatever! Aber dass man sich eventuell daran an Beispiel nähme … (Hollein kümmert sich eben auch daraum, dass die Ressourcen bereitgestellt werden, verfolgt ein ausgeprägtes Drittmittel-Einwerben und ist ständig auf Marketing-Beute-Zug).

    Es wird noch lange ein Mangeldenken vorherrschen, fürchte ich. Die Hoffnung liegt tatsächlich darin, die Entscheider zu überzeugen. Sie liegt auch in einem grundsätzlichen Umdenken. In einer veränderten Haltung. Ach, aber das haben wir ja schon so oft besprochen :-)

    Bleibt uns also nur, weiter an einem Strang zu ziehen, solche Blogbeiträge in die Welt hinaus zu teilen und abzuwarten.

    Herzliche Grüße von Anke

  2. Ein wichtiges Thema! Dabei fiel mir ein, dass das dänische Kunstmuseum Statens Museum for Kunst nicht nur Werke hochauflösend zum Download bereitstellt und mit CC-Lizenz, sondern auch eine Unterseite “Warum CC-Lizenz?” dazu hat und eine empfehlenswerte Anthologie “Sharing is caring” in Dänisch und Deutsch: http://www.sharingiscaring.smk.dk/udforsk-kunsten/vaerker-til-fri-download/sharing-is-caring-antologien/.

    Viele Grüße,
    Marlene Hofmann

  3. Lieber Christian Gries,
    vielen Dank für Ihren anregenden Beitrag und Aufruf an die Museen, stärker ihre jeweiligen digitalen Visionen sichtbar werden zu lassen. Das Städel Museum arbeitet – wie Sie in Ihrem Blogbeitrag ganz richtig darstellen – an einer Reihe von Projekte im Rahmen unserer Digitalen Erweiterung. Dazu zählen unter anderem ein Appgame für Kinder, die Städel Digitale Sammlung, freies WiFi im Städel oder aber auch ein Onlinevorbereitungskurs – bei allen diesen Vorhaben war es uns jedoch sehr wichtig, auch ein Mission Statement für diese gesamte Digitale Erweiterung zu formulieren. Zum einen, um unsere eigenen Ziele klar zu definieren, aber auch um die dahinter liegende Frage zu stellen, wie sich ein Museum durch die digitalen Möglichkeiten verändert, wie seine Aufgaben und auch seine Reichweite hierdurch anders definiert werden kann. Unsere verschiedenen Angeboten verstehen wir dabei – neben der Erweiterung unsere Bildungsauftrages in den digitalen Raum – durchaus auch als Vorschlag und freuen uns auf gemeinsamen Austausch und die Diskussion darüber. Unser Mission Statement zur Digitalen Erweiterung findet sich online unter http://newsroom.staedelmuseum.de/system/files_force/field/file/2014/st_presse_digitale_erweiterung_mission_statement.pdf

    Mit besten Grüßen aus dem Städel
    Silke Janßen

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