Künstler auf Instagram – Befreiung und Zensur

27. Oktober 2014

Man kann wohl trefflich darüber streiten, ob es wirklich eine „Befreiung“ ist, die das Zusammentreffen vermeintlicher Hochkultur und dem digitalen Raum markiert. Je nach Position lassen sich ausführlich Argumente finden, ob es sich um eine Rettung oder Erlösung, eine Befreiung oder Gefangennahme, um Trivialisierung oder Kanonisierung handelt. Auf allen Ebenen wird “befreit” und gestritten, – in der Kunst, im Theater und Museum, in Bibliothek, Wissenschaft und im Archiv. Wo also verändert das Internet die Kultur? Wie agieren (bildende) Künstler über die neuen Medien?

Die Hochkultur ist längst im Netz angekommen
In der Hochkultur ist das Netz längst angekommen. Kaum eine Kultureinrichtung, die keine Website hat und die Bedeutung des Digitalen wenigstens ansatzweise einzuschätzen weiß. Auch wenn wir in Deutschland vielfach einer konservativen Wahrnehmung folgen und gerade das „Biedermeier des 21. Jahrhunderts“ feiern, so ist doch immer deutlicher eine Veränderung festzustellen, die gerne als Paradigmenwechsel markiert wird. Wenn wir also noch nicht von einer „Befreiung“ sprechen wollen, so doch zumindest von einer deutlichen „Bewegung“. Diese löst Objekt und Verfahren, egal ob in Atelier, Galerie, Museum oder Bühne aus der festen Umklammerung traditioneller Strukturen oder Institutionen. Um es deutlich zu sagen: da “passiert” mittlerweile eine Menge spannender Kultur in Räumen, die nicht von klassischen Impulsgebern gehostet werden. Die Kreativen experimentieren mit neuen Gestaltungsverfahren, Inszenierungen und “Aufenthaltsräumen”. Der kanonische Blick auf den Gegenstand, die Deutungshoheit durch die klassische Autorität und der Begriff des Originals erfahren eine Umbewertung, die dem gesellschaftlichen Wandel und den Möglichkeiten des Digitalen geschuldet sind.

976 Madison Gagosian. Peep dat. Ein von nightcoregirl (@nightcoregirl) gepostetes Foto am

Künstler auf Instagram und Twitter
Immer mehr Künstler inszenieren sich auch maßgeblich über das Digitale und schreiben den kreativen Output vor allem auch in den sozialen Medien fort. Wer Kampagnen wie die „Leg like Guns“ von Ai Weiwei auf Instagram, die Portraitserien von Richard Prince verfolgt oder sich mit der rasenden und bildgewordenen Ironie von David Shrigley auf Plattformen wie Twitter oder Instagram konfrontiert, erkennt im Digitalen einen neuen, wesentlichen Aspekt des jeweiligen künstlerischen Gesamtwerks. Wer sich künftig mit dem Lebenswerk der Künstler auseinanderssetzen will, wird den digitalen Output nicht länger ignorieren können. Über die Instagram-Portraits von Prince schreibt der Kritiker Jerry Saltz: “zweifellos gehören seine neuen Porträts zu einer neuen Kunst, die sich durch die letzten trennenden Ebenen zwischen digitaler und physischer Welt brennen. Die Folgen dieser sich hier andeutenden Durchdringung werden schwerer wiegen, als wir uns vorstellen können“. Die visuell und konzeptionell arbeitenden Künstler gehen weit über das hinaus, was wir von Lady Gaga und Miley Cyrus kennen: die digitale Selbstinszenierung und direkte Ansprache eines globalen Publikums in der unmittelbaren Selbstverantwortung (und -vermarktung). Glenn O´Brien markiert die Interaktion zwischen den verschiedenen Medien und ihren Mix als neue Herausforderung: “so ist die Poesie auf gewisse Weise in die bildende Kunst übergesprungen, und ich denke, dass wir gerade dabei sind, diese auch in die neuen Medien und digitalen Medien zu übersetzen (…) heute können wir Künstler finden, die sich aus dem Digitalen erklären“. Die Künstlerin Cara Stricker kommentiert den Paradigmenwechsel: “The online space is a new sort of palette for artists to offer new perspectives“. Lesenswert dazu Ihr offener Brief an Richard Prince, der ein Foto von Stricker für seine Bilderserien nutzt.

 

Befreiung und Zensur
Es wird spannend zu verfolgen sein, wohin diese Bewegung führt. Nicht jede Befreiung mündet zwangsläufig im Paradies. Der Weg von Richard Prince landete jedenfalls (zunächst) wieder einmal im OFF – sein Account wurde von Instagram wegen Verstoß gegen die “Community Guidelines” gesperrt. Mit der Ansage “Behalte Deine Kleidung an” wird es im Oeuvre des Künstlers mitunter schwierig. Der Deal mit kommerziellen Plattformen erscheint daher schwierig. Und es ist nicht das erste Mal, daß Prince’ Account gesperrt wurde.

prince

Screenshot des Instagram-Accounts von Richard Prince am 22.10.2014



Kommentar hinterlassen

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen