Theater und Netz

18. Mai 2014
MK Blog - Blog der Münchner Kammerspiele: http://mkammerspiele.wordpress.com/

MK Blog – Blog der Münchner Kammerspiele

D wie Digitalisierung und U wie Unschärfe
Kürzlich war es ein Beitrag auf dem lesenswerten, aber bislang weitgehend jenseits meines Wahrnehmungshorizontes existierenden, Blog der Münchner Kammerspiele, der mir eine Nachlese zur Tagung “Theater und Netz” in Erinnerung rief und Handeln einforderte: “D wie Digitalisierung“.
Es scheint mir symptomatisch, dass die Kammerspiele den Beitrag über das Netz unter “Digitalisierung” ablegen. Gemeinhin zielt der Begriff ja eher auf einen technischen Vorgang, als auf eine Metapher für “irgendwas mit Internet”. Passender wäre wohl eher “S wie Socialmedia” gewesen. Aber genau diese Unschärfe markiert den Status Quo in Wahrnehmung und Umgang der meisten Theater (und nicht nur dieser) mit dem Netz: eigentlich weiß man noch nicht genau WAS es eigentlich ist und irgendwie auch nicht, WER damit WAS machen sollte (bei manchen Häusern kommt wohl noch ein WARUM dazu). Klar, – es gibt Ausnahmen: Häuser wie das Thalia in Hamburg, das Theater Heilbronn, das Residenztheater in München, die ambitioniert sind, experimentierfreudig und sich professionell bzw. mit spürbarer und ansteckender Lust auf das Thema einlassen. Großen Applaus dafür! Und doch sind zentrale Fragen noch unbeantwortet: Was ist es denn nun eigentlich, dieses “Netz”, bloßes Marketinggetöse, Lifaßsäule, Manifestation einer sich wandelnden Gesellschaft  bzw. Publikums, eine Krise der Kritik – oder eben doch auch inhaltlich und für die Kunst brauchbar? Dieser Fragestellung versuchte sich auch die von nachtkritik.de und der Heinrich-Böll-Stiftung initiierte Tagung in Berlin zu nähern.

Um es gleich zusagen: die Antwort ist komplex und irgendwie alles und auch vieles dazwischen. Wir fangen gerade erst an, die Konturen möglicher Antworten zu denken. Der Aufbruch ist zu spüren, torkelt aber zwischen Unsicherheit, Ratlosigkeit und Mut zu Neuem hin und her. Das “Marketinggetöse” haben viele Häuser heute schon weit entwickelt. Es geht um Sichtbarkeit und Reichweite und eine affine Netzgemeinde, – und jeder hat wohl selbst zu entscheiden, ob er wahrgenommen werden möchte oder sich dem Paradigmenwechsel (noch ein kleines Weilchen) verweigert. Die Prognose ist nicht sehr gewagt: alle (!) werden ins Digitale folgen, die einen mehr, die anderen weniger. Je nach Standort, Reichweite und Relevanz der Bühnen bzw. Themen mit unterschiedlicher Intensität und Handschrift. In Sachen “Lifaßsäule” ist die Richtung klar.

Und die Kunst?
Fängt im Grunde wohl mit dem Metaraum an, der sich schon heute über jede Aufführung legt. Dieser Raum ist längst vorhanden, wird von Häusern und Publikum bespielt, wenn sich die unterschiedlichen Akteure twitternd, bloggend und sharend über persönliche Eindrücke oder vertiefende Informationen zu den aktuellen Inszenierungen bzw. Aufführungen austauschen. Als Theaterbesucher ist dieser Raum für mich schon Gegenwart: ich schalte dafür lediglich mein Smartphone ein und suche nach relevanten Hashtags, Portalen, Webseiten und Blogs. Ich twittere aus Aufführungen mit der gleichen Lust, mit der ich anderen Vorstellungen still und konzentriert lausche. Ein Nebeneinander, kein Gegeneinander. Manche Häuser öffnen bereits die Tür zu diesem Metaraum und lassen sich darauf ein. Andere nicht. Die einen gestalten diesen Raum und verstehen ihn als Chance. Die anderen lassen ihn einfach “passieren”, – und nehmen es in Kauf nicht (!) zu wissen, was das Publikum von ihnen hält und welche Themen im Netz diskutiert werden. Völlig falsch wäre es, meiner Meinung nach, wenn die Theater es nicht als Aufgabe der Gegenwart verstehen, Antworten zu suchen, sondern auf kommende Generationen warten, die sich mit diesen Themen auseinander setzen sollen. Die wird nicht kommen, die ist schon da. Es sind nicht die vermeintlichen “digital natives”, es ist die Generation der Gegenwart, die auch ein Theater (wie die Museen, Bibliotheken, etc.) auch als “Social Place” begreift und entsprechende Strukturen einfordert. Es könnte eine so spannende Aufgabe sein, Themen und Inszenierungen ins Digitale weiter zu denken, einen relevanten digitalen “Begleitraum” zu gestalten und ihn womöglich klug und fesselnd mit der alten Bühne zu verschrauben. “Die Grenzen müssen aufgehoben werden“, sagt die Journalistin und Bloggerin Maike Hank.

Tweetups.
Erstaunlicherweise war “Tweetup” eines der Masterthemen der Tagung. Wir haben von Varianten und Variationen gehört, – wie man Twitterer durch die Werkstätten führt, hinter die Bühne, in Proben und ausgewählte Aufführungen einbettet und mit digitalem Spiralblock agiert. Wir haben gehört wie das Livetwittern funktionieren kann und wie das digitale Publikum jenseits der Bühnen liest und interagiert. Und hallo, – die ganz große digitale Inszenierung wurde nicht von den Häusern gestartet, sondern von Twitter selbst: bei der ersten “Twitter-Theater-Woche” haben fünf Häuser sehr unterschiedlich agiert.
Warum nun ausgerechnet Twitter und die Tweetups? Was verbindet diesen Microbloggingdienst mit dem Theater? Die Sprache, der Text, die Schriftlichkeit? Die Notwendigkeit und die Chance der “Verdichtung” (im doppelten Sinn) des Inhalts?  Der Interpretationsraum, die Emotionalität des Mediums und die Chance zum Performativen? Der Livecharakter? Oder ist es einfach die Tatsache, dass mit den Tweetups als digitalem Format einfach bislang am meisten experimentiert wurde (auch jenseits des Theaters)? Fehlt den Theatern die Innovationskraft und die Inspiration für weitere oder eigene digitale Formate? Besitzen die Handlungsträger in den Häusern genügend Medienkompetenz? Gibt es Defizite in der Ausbildung oder öffentlichen Wahrnehmung? Auch hier: von allem wohl etwas, – von manchem durchaus etwas mehr. Die Einbindung von Socialmedia sollte aber mehr sein, als einen blauen Vogel über die Bühne zu ziehen und den Text eines Tweets an der Rampe ausrufen zu lassen (S. Solberg).

Konturen eines Aufbruchs
Und trotzdem: auf der Tagung waren doch auch Konturen eines Aufbruchs zu entdecken. Die guten Ansätze liegen sicher mehr in Richtung der Dessauer Tweetfonie als bei der von JvM entwickelten Effi Briest 2.0. Eine “Aufeinander-zu-Bewegung” ist bereits im Gange und sie konfrontiert Gamer mit Regisseuren und Dramaturgen, Twitterer mit Schauspielern, Blogger mit Autoren und bereitet damit doch einen Nährboden, auf dem sich etwas entwickeln kann. Das ist schon mehr, als ich es in vielen Museen sehen kann, – dort agieren die Kuratoren vielfach noch mit Scheuklappen. Aber die Theater sind ja auch, wie oft bei “Theater und Netz” gehört, das älteste Socialmedia der Welt und waren schon immer im Raum zwischen Mensch und Maschine.

Und, liebe Kammerspiele, macht mehr Lärm mit Eurem lesenswerten Blog. Auch der ist ein Experimentierraum, – und wie Ihr richtig schreibt: “Vernetzung heißt das Zauberwort”.



Kommentar hinterlassen

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen