Tweetup mit David Shrigley in der Pinakothek. Eine Annäherung in vier Akten.

7. April 2014

Am 5.April hatten die Pinakothek der Moderne und die Kulturkonsorten zu einem Tweetup gerufen. Im Fokus stand der britische Künstler David Shrigley und seine Vorbereitungen für die anstehende Ausstellung “Drawing” in München (ab 11.04.).

Annäherung mit dem Mittel der Zeichnung (Foto: Pinakothek)

Annäherung mit dem Mittel der Zeichnung (Foto: Pinakothek)

Zerstörung und Neuschöpfung
Im Vorfeld der Ausstellung hat Shrigley eine gut 3 Meter große Skulptur in seinem Atelier angefertigt und diese nach München verbracht. Dort wurde sie über einige Tage in einem verborgenen Raum in der Pinakothek ausgestellt. Noch vor Eröffnung der Ausstellung wird Shrigley die Skulptur zerstören.  Zugang zu diesem “secret room” hatte lediglich eine Auswahl von Personen, die sich in eigenen Zeichnungen, und im Rahmen des Tweetups in Wort und Sprache, mit der Skulptur auseinandersetze. Das Abbild der Skulptur wird folglich nur in den Nachempfindungen und Beschreibungen erhalten bleiben, da keinerlei Fotos des Originals angefertigt werden dürfen.

Der Tweetup als Bühnenstück
Liest man sich in die Tweets des Events ein, so läßt sich eine Struktur des Geschehens nachvollziehen. Wie ein Bühnenstück in mehreren Akten folgten die Tweets einer (ungesteuerten) Dramaturgie, die sich von der vorsichtigen, primär deskriptiven, Annäherung an Raum und Situation zur intensiven Reflexion über Kunstwerk und Bedeutungszusammenhang entwickelte.Und wie die Musik eine Oper vom Sprechtheater unterscheidet, flankierten und vertieften die Tweets das Projekt “secret sculpture” in den digitalen Raum.

david-shrigley-No-Photo-Pinakothek-der-Moderne-Muenchen-©Vivi-DAngelo

Ein Kunstprojekt und ein Tweetup mit Fotoverbot (Foto: Vivi d’Angelo)

Ouvertüre: No Photos!
Die Ouvertüre zum Tweetup wurde noch bei verschlossenem Vorhang gespielt: die Twitter wurden in der Rotunde von Künstler und Kurator empfangen und zum “secret room” begleitet. Noch vor dem Eintritt in den verborgenen Raum machten die beiden Akteure noch einmal die wichtigste Spielregel des Kunstprojekts deutlich: Keine Fotos. Shrigley hatte die Twitterer auf eine Zeitreise vor die Erfindung der Fotografie geschickt. Beim Twittern ging es diesmal also ganz besonders um die Übersetzung von Kunst ins begrenzte Wort, um Verdichtung und Kondensation.

Der erste Akt: Die Stille des Raumes
Mit großer Spannung betraten die Twitterer der “secret room”, – und versuchten das Erstaunen über Umgebung und Kunstwerk in erste Worte zu fassen.Von der konzentrierten Stille beeindruckt und vom Charakter der Skulptur überrascht, bemühten die Teilnehmer eine erste Bestandsaufnahme der Situation:

Der zweite Akt: Vorsichtige Annäherung
Hatte man sich an Situation und Umfeld gewöhnt, wanderte der Blick auf die Skulptur von Shrigley. Ich denke, ich war nicht der Einzige, den das, was er in der Mitte des Raumes sah, deutlich überraschte: ein riesenhaftes Skelett in entspannter Pose, irgendwie Kontrapost, die Arme locker auf Hüftknochen und Oberschenkel gestützt, den Blick unter wallendem weißen Haar aus dunklen schwarzen Augen der Wand zugekehrt. Shrigley, der Sezierer des Menschen, hatte eine fleischlose Figur geschaffen und uns mit dem Innersten des Menschen konfrontiert. Auf den ersten Blick schien es, als wäre eine der Kreaturen aus seinen gezeichneten Animationsfilmen entkommen und in den “secret room” geklettert. Dort stand sie nun, frech und provozierend und rief uns zur Besinnung auf. Ein Spiel um Dissonanz, um inszenierten Dilletanismus in den heiligen Hallen eines Kunstpalastes. Ein Objekt, das die Wertschätzung und Interpretation des Betrachters braucht, um überleben zu können. Humoralpathologie hat das Lino Wirag einmal genannt.

Der dritte Akt: Reflexion und Reflektion
Der Phase der Bestandsaufnahme und vorsichtigen Beobachtung von Raum und Situation folgte eine Auseinandersetzung mit der Wesenheit des Sicht- und Unsichtbaren. Die Twitter begannen die Skulptur zu hinterfragen und Shrigley bei seinem Prozess der Sichtbarmachung des später Verlorenen zu unterstützen. Was die Zeichner aufs Papier brachten, machten die Twitterer in Worten: sie skizzierten. Spannend war es dabei, die Gedanken der Anderen mitlesen zu können. Während sich im realen Raum nur ein ganz vorsichtiger, leiser Dialog zwischen einzelnen Teilnehmern ergab, brandeten im digitalen Raum die Reflexionen über Shrigley, die Skulptur und deren Interpretation immer heftiger auf.

Der vierte Akt: Der Sieg über den Tod
Wie es sich in einer ordentliche Oper gehört, steht am Ende der Geschichte ein Triumph. In unserem Fall wohl der Triumph über den Prozess der Zerstörung, das Lachen, den Tod und die Erlösung. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Shrigley mit dem Tod auseinandersetzt. In seinem Werk hat er zahllose Auftritte: als abgeschlagener Hahnenkopf, kopfloser Schlagzeuger, als Tierkadaver, als Scharfrichter, Giftpilz oder eben als Skelett. Das Tragische und das Lustige haben Berührungsflächen. Mir fällt dazu auch eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2013 ein, die deutlich machte, daß Gedanken an den Tod den Humor fördern.  Oder ist das Riesenkelett nur eine Antwort auf Hans Haake, der 2015 den Trafalgar Square in London mit einem (Pferde-) Skelett bespielen wird?

Schlußapplaus und Vorhang
Dank an David Shrigley und die Pinakothek für diesen Tweetup. Das war ein großartiger Event, der auf eine sehr sympathische Weise dem Twittern das Tor ins Museum öffnete. Und ein weiteres Mal ein Beweis, daß im Format “Tweetup” noch viel Potential steckt, wenn man sich mit etwas Phantasie auf die Ausgestaltung einlässt. Die Twitterer haben in etwas über einer Stunde gute 800 Tweets verschickt und eine potentielle Reichweite von über einer Million Sichtkontakten erzielt. Auch das ein Ergebnis, dass sich sehen lassen kann. Ich denke, das war für alle Teilnehmer eine spannende Erfahrung!



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