“Richte dich auf, Osiris” – Matthew Barney im Haus der Kunst

13. Februar 2014

Mit der anstehenden, großen Ausstellung “Matthew Barney: River of Fundament” (16.03.14  – 17.08.14) präsentiert das Haus der Kunst die Weltpremiere eines zentralen und vielteiligen Projekts von Matthew Barney. Das Projekt besteht aus dem symphonischen Film “River of Fundament”, großformatigen Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Storyboards und Vitrinen, und verdichtet sich zu einem der komplexesten und ehrgeizigsten in Barneys Werk.

Seit 2007 entwickelt der Künstler in Zusammenarbeit mit dem in Berlin lebenden amerikanischen Komponisten Jonathan Bepler das “River of Fundament”-Projekt, das von dem amerikanischen Schriftsteller Norman Mailer und seinem Roman “Ancient Evenings” (Frühe Nächte) inspiriert ist. Der Roman, an dem Mailer elf Jahre geschrieben hatte, spielt im antiken Ägypten und wurde beim Erscheinen 1983 von der Presse leidenschaftlich diskutiert. Die Europapremiere des Films “River of Fundament” findet am 16. März 2014 in der Bayerischen Staatsoper in München statt. Die Ausstellung im Haus der Kunst und die Filmvorführung bilden zusammen das mehrteilige “River of Fundament”-Projekt und ermöglichen, nach der CREMASTER-Retrospektive vor über zehn Jahren im Guggenheim Museum, einen fulminanten Blick auf das Barney’sche Gesamtwerk.

River of Fundament: REN – KHU – BA
In “River of Fundament” kulminieren sieben Jahre intensiver Meditation über Tod, Wiedergeburt, Transformation und Transzendenz. Mailers Roman schildert den spirituellen Weg des Ägypters Menenhetet I durch drei Tode und Wiedergeburten. Dabei ersetzt Barney das Prinzip “Reinkarnation” durch “Recycling” und die Seele des Menschen durch ein Auto. Was für ein wunderbares Bild.
“REN”, der erste Akt des Projekts, dokumentiert eine Live-Performance in einem Autohaus in Los Angeles 2008: Dort stirbt das Auto – der 1967 Chrysler Crown Imperial aus CREMASTER 3 – zum ersten Mal. Nicht nur in den Regieanweisungen flogen damals “brennende Granatsplitter und Steinsalz durch den Raum und prallen von den Fenstern ab, Blech wird vom Chassis abgerissen”.  Der zweite Akt, “KHU”, spielt in der ‘Motor City’ Detroit. Dort reinkarniert der Chrysler als ein 1979 Pontiac Firebird Trans Am. In “BA” schließlich wandert die Seele des Autos nach New York. Dort gerinnt der Mythos zur Skulptur.

In “River of Fundament” arbeiten Experten aus verschiedenen industriellen Fertigungsbereichen – unter anderem Eisenverhüttung, Verschrottung und Schwefelguss – mit Schauspielern zusammen. Das Libretto enthält Exzerpte aus dem Prolog zu Mailers Roman und dem ägyptischen Totenbuch, und vereint eine Vielzahl von Gedanken zu den zeitlosen Fragen nach Sterblichkeit und Wiedergeburt.

Die Ausstellung im Haus der Kunst
Im Zentrum der Ausstellung im Haus der Kunst steht DJED, eine massive gusseiserne Skulptur, die während der Liveperformance “KHU” entstanden ist. Die Urform und Ikonografie von DJED ist das Fahrwerk des Chrysler Imperial. 25 Tonnen flüssiges Eisen wurden vor Publikum aus fünf eigens hergestellten Schmelzöfen in eine offene Grube gegossen, die auf dem Gelände eines stillgelegten Stahlwerks am Detroit River ausgehoben worden war. Eine wirklich beeindruckende Performance, die einige der Teilnehmer damals mit den Worten “we survived” kommentierten.

Der spirituelle Kern
Barney setzt mit der Ausstellung im Haus der Kunst das Programm fort, das er im Laufe der letzten sieben Jahre entwickelt hat: ein komplexes System von Erzählstoffen, das persönliche, historische und moderne Mythologien verwebt. Im Zentrum steht die Frage nach der Existenz einer kohärenten Identität bzw. eines spirituellen Kerns, der die individuellen Merkmale eines Menschen nicht nur in diesem Leben, sondern auch nach dem physischen Tod bewahrt. Mit den Skulpturen dieses Projekts hat sich Barney von den typischen Materialien seiner früheren Arbeiten, Thermoplastik und Vaseline, entfernt und benutzt nun Metalle und Materialien, die näher an der Tradition der Skulptur aber eben auch industriell geprägt sind: Eisen, Bronze, Blei, Kupfer, Messing, Zink und Silber. Weiterhin verwendet er natürliche Substanzen wie Schwefel und Salz.

Matthew Barney
Matthew Barney wurde 1967 in San Francisco geboren und lebt und arbeitet in New York. Er hat an großen Ausstellungen wie der documenta IX (1992) in Kassel, den Whitney Biennalen von 1993 und 1995 in New York sowie den Biennalen von Venedig 1993 und 2003 teilgenommen. Die vom Solomon R. Guggenheim-Museum in New York ausgerichtete Einzelausstellung “The Cremaster Cycle” wurde auch im Museum Ludwig in Köln und im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris gezeigt (2002-03).

#Barney im Web
Wer sich weiter mit Barney beschäftigen möchte, dem sei  auch Referenzen bei ARTE oder die Homepage des Cremaster-Zyklus empfohlen: http://cremaster.net/. Die starken Bilder aus dem Werk des Künstler fluten aber auch Plattformen wie Pinterest oder Flickr. Auf Facebook finden sich zahlreiche Fangroups zu Barney (Bsp.: https://www.facebook.com/groups/2219170240/), die offensichtlich seine Arbeit und Auftritte permanent begleiten. Daneben gibt es zahlreiche Fanseiten und Blogs (wie http://cremasterfanatic.blogspot.ca/), die zuweilen den Kult-Status des Künstlers ausgiebig zelebrieren. Trotzdem finden sich auch hier hilfreiche Informationen und Links. Auf Twitter habe ich keinen offiziellen und nur ein paar Fake-Accounts gefunden, dafür aber interessante Ansätze wie den des Washington City Paper, die frühere Inszenierungen Barneys bereits 2010 twitternd begleiten.

Der Hashtag #RiverofFundament hat sich auf Twitter sogar als eigener Hashtag etabliert und produziert eine ganze Menge  Traffic, der sich derzeit insbesonderes mit der Weltpremiere des Films beschäftigt:

Auf Youtube sind eine Vielzahl (Stand Feb 2014: 21.800) von Videoaufzeichnungen zu Barney zu finden, die überwiegend dem CREMASTER-Zyklus entstammen, aber auch Interviews und Mitschnitte transportieren. Nicht ganz so zahlreich die Videos auf Vimeo zum Künstler, die aber immerhin ein sehenswertes Interview zu “River of Fundament” beinhalten:

Doc trailer from peter strietmann on Vimeo.

Zur Ausstellung in München erscheint  ein Katalog bei Rizzoli, der Beiträge von Hilton Als, Homi K. Bhabha, Diedrich Diederichsen, Okwui Enwezor, David Walsh sowie Installationsansichten aus dem Haus der Kunst enthalten wird.

“River of Fundament” wird von Okwui Enwezor kuratiert und vom Haus der Kunst organisiert, in Zusammenarbeit mit dem Museum of Old and New Art (MONA), Tasmanien, Australien. Dort wird die Ausstellung in veränderter Form im Herbst 2014 zu sehen sein.



3 comments

  1. Hallo, zu dem Münchner Barney-Projekt beschäftigt mich eine Frage: Wie viel sagt einem der reine Ausstellungsbesuch, wenn man keine Gelegenheit hat, sich den Film anzuschauen?
    (Hintergrund meiner Frage: Ich bin nicht weit von München entfernt, werde mir die Ausstellung wohl ansehen, überlege aber, ob sich ein Besuch auch mit meinen Kindern lohnt, da ich auf http://mariabettina.twoday.net über das Thema Kunst und Kinder blogge. Dafür sollte ein inhaltlicher Zusammenhang allein in der Ausstellung erfahrbar sein, auch ohne Film, sonst bringt der Besuch mit Kindern nichts.)

    1. Hallo MariaBettina, bei Barney gehört im Sinne eines “Gesamtkunstwerks” irgendwie alles zusammen und der reine Ausstellungsbesuch ist sicher eine völlig andere Erfahrung, als wenn man auch den Film (bzw. den ganzen Cremaster-Zyklus) kennt oder sieht. Viele der in München gezeigten Exponate sind ja bei den Events entstanden oder in diesen begründet. Barney selbst betont aber immer wieder auch das Narrative seiner Objekte, die sich in den Film ausdehnen, oder den Film in den Objekten manifestieren, oder auch ganz autonom funktionieren können. Gelegenheiten zum Besuch der Filme aus dem Cremaster-Zyklus bieten ja die Filmscreenings bei der HFF. Zudem wird es nun wohl doch weitere Gelegenheiten geben, den Film „River of Fundament“ nicht nur in der Staatsoper sondern auch im Haus der Kunst und im Kontext der Ausstellung zu sehen (am besten wohl für weitere Infos die Website http://www.hausderkunst.de im Auge behalten). Ob die Ausstellung selbst nun aber gerade für Kinder ein gutes Thema ist, halte ich eher für schwierig (zumal es auch Exponate gibt, die eher nicht „jugendfrei“ sind). Die großen Skulpturen aus Stahl, Messing und Schwefel sind aber wohl auch für Kinder spannend und die Idee von der Wiedergeburt der Seele in einem Auto kann man sicher auch mit Kindern gewinnbringend diskutieren.
      Kleiner Nachtrag: das Haus der Kunst hat einen Ausstellungsbesuch mit Kindern sogar vorbereitet: http://www.hausderkunst.de/agenda/detail/neu-raetselrallye-fuer-eltern-und-kinder-1/

  2. Vielen Dank, die Antwort hilft mir sehr. Über den Kinderbesuch werde ich nochmal nachdenken, das Dokument mit der Rätselralleye auf jeden Fall downloaden, das ist in jedem Fall interessant.

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