Als wäre man aus dem Mond gefallen. Das Residenztheater und die Twitter-Theater-Woche #ttw13

14. Dezember 2013

Um es mit Jean Paul zu sagen: “Sprachkürze gibt Denkweite”. Und um es in eigenen Worten zu sagen: es war eine spannende, bewegende, anstrengende und intensive Begegnung, ein Erlebnis der besonderen Art. Am 13.Dezember hatte das Residenztheater mir und vier weiteren Twitterern die Gelegenheit gegeben, als Statisten auf der Bühne einer Aufführung der “Flegeljahre” beizuwohnen und live von der Bühne zu twittern. Es war ein Erlebnis als wäre man aus dem Mond gefallen.

Experiment und Premiere
Das Residenztheater wird im Rahmen der Twitter-Theater-Woche neben einem Einblick in den Theateralltag ein bisher einmaliges Experiment wagen, um die Grenzen zwischen Theater und Internet aufzubrechen“. Um es kurz zu machen: aus meiner Sicht ist das Experiment den fünf teilnehmenden Theater sehr unterschiedlich gelungen, – dem Residenztheater aber mit Abstand am besten. Socialmedia bedeutet Storytelling und die aktive Einbindung des Publikums (der Crowd). Beide Strategien hat das Haus grandios umgesetzt. Vom offenen Dialog mit den anderen Bühnen in München über ein Twitterinterview mit dem Dramaturgen und einen Blick auf die Geschichte des Hauses (mit Unterstützung des Deutschen Theatermuseums) bis zum Livetwittern von der Bühne mit Unterstützung durch eine kleine Crowd, – das Konzept und die Umsetzung haben überzeugt. Grenzen werden nicht zum Internet aufgebrochen, zu einer Technik, sondern zu den Menschen, die es benutzen und zu der Struktur die es trägt und ernährt. Grenzen werden in Köpfen gebrochen, wo es darum geht, Gewohnheiten, Wahrnehmungsmuster, Steuerungsmechanismen und Vermittlungskonzepte auf geänderte Konturen und Grundlagen neu einzustellen. Und Grenzen zu einem Publikum kann man nur überschreiten, wenn es ein Gegenüber gibt und dieses auch wahrgenommen und ernst genommen wird. Immer wieder begegnen mir in letzter Zeit digital orientierte Events, wo man zwar Datum und Uhrzeit, aber keine Vorstellung hat, wer und warum da eigentlich jemand kommen und mitmachen sollte.
Das Residenztheater hat mir deutlich bewiesen, daß es auch anders geht: da versteht jemand sein Handwerk, nutzt die Gelegenheit und zeigt überzeugende Initiative.

 

Das Mysterium Theater begreifbar machen
Es geht zunächst ja (noch?) gar nicht darum, das Theater zu verändern, die Bühne zu revolutionieren oder Dramaturgen, Schauspieler oder das Publikum zu missionieren. Es geht vor allem doch erst einmal um ein Weiterdenken und eine kluge Umsetzung des Versuchs, wie das Residenztheater beschreibt, “das Mysterium Theater irgendwie begreifbar zu machen, Prozesse abzubilden, unbekannte Berufe vorzustellen, auch Berührungsängste abzubauen und einfach über Theater zu reden. Eben nicht nur für die Theaternerds, sondern auch für Außenstehende, Neugierige. Das ist unser alltäglicher Job, dafür gibt es an jedem Haus die Abteilungen Theaterpädagogik, Dramaturgie, Öffentlichkeitsarbeit. Und dafür probieren wir immer wieder neue Wege aus“. Wenn man Medium und Möglichkeiten dann verstanden hat und bewerten kann, kann man weiterdenken.


Die Inszenierung des digitalen Raumes
Während der vorgegangenen vier Tage habe ich mich kaum von der Timeline weg bewegt und mit Spannung die unterschiedlichen Ansätze und Entwicklungen verfolgt, die die einzelnen Theater bei der Inszenierung des digitalen Raumes verfolgten. Aus meiner Wahrnehmung war es zuweilen eher ein Stolpern als ein Gehen, weniger eine Inszenierung oder Ausweitung der Kampfzone als ein mühsam inspirierter Nachrichtenstream aus Kantine, Werkstatt oder Bühnenraum. Mittagsgerichte und Dramaturgenwitze führen wohl eher in die Banalisierung als in die Weite. Aber so ist es wohl, wenn man das Laufen lernt.

 

Livetwitterer im Residenztheater: @twena, @NetzwerkPilot, @phike1207, @cogries (@TanjaPraske kam noch dazu)

Livetwitterer im Residenztheater: @twena, @NetzwerkPilot, @phike1207, @cogries (@TanjaPraske kam noch dazu)

[Als Livetwitterer auf der Bühne[
Wenn ich nun versuchen wollte, das zu bewerten, was ich gestern als Livetwitterer auf der Bühne erlebt habe, so ist das nicht einfach zu formulieren. Es sind wohl schon eine ganze Menge Tweetups, die ich mitgemacht oder auch veranstaltet habe. Zumeist in Museen und Ausstellungshäusern, vereinzelt aber auch in Theatern. Und doch war das gestern anders. Meine größte Befürchtung, als tippender und “beleuchteter” Akteur auf der Bühne zu stören, Raum oder Aura zu verletzen, war unbegründet. Eine ähnliche Erfahrung übrigens wie im Rheinischen Landestheater, wo wir als Twitterer im Publikum von den Schauspielern auch nicht als Störer bewertet wurden. In München und Neuss waren es aber Sondersituationen in die wir als Twitterer verpackt wurden: das eine Mal eine gesonderte Aufführung, das andere eine besondere räumliche Positionierung (zwischen anderen Statisten am Bühnenrand). In einer regulären Aufführung im “normalen” Publikum zu sitzen und dort zu twittern wage ich nicht. Aber diese Diskussion will ich gar nicht führen, sie ist zurecht schon beantwortet: No go.
[tweetable]Was kann das Twitttern zur Inszenierung beitragen? [/tweetable]Emotionen, Emotionen, Emotionen. Denkweite und Dichte schaffen. Transparenz und Authentizität. Den Menschen im Theater abbilden. Mit guten Tweets (und das sind vermutlich nicht nur spontane Textentäußerungen) Theater spürbar machen. Geschichten erzählen. Vertiefung von Informationen und Ausweitung (nicht nur des Begleithefts) ins Digitale. Liveerlebnis nach Außen spiegeln. Neugier wecken. Kontextualisierung und Relevanz eines Themas steigern. Unterschiedliche Wahrnehmungen und Bewertungen einer Inszenierung dokumentieren (jeder Twitterer erlebt die Aufführung anders), – und vermutlich sind die Wahrnehmungen dabei spannender als subjektive Bewertungen. Vieles mehr.

Einige Liveeindrücke der Aufführung habe ich versucht in Tweets zu packen:

 

 

 

 

 

 

Ich glaube daran, dass diese Diskussion weitergeht. Die Theater scheinen mir ein kluger und bewegter Ort für solch eine Diskussion zu sein. Sie sind dichter am Menschen. Dichter als viele andere Bildungs- und Kultureinrichtungen.

 

Ein treffliches Resumee zur Twitter-Theater-Woche hat Tim Fangmeyer auf livekritik.de gezogen: “Den fünf teilnehmen Theater kann man zu ihrem Mut zur Teilnahme an der ersten Twitter-Theater-Woche gratulieren. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, sich dem Publikum zu öffnen und die eigene Arbeit auf unterhaltsame Art und Weise transparent zu machen. Die Nutzung von Social-Media als Instrument der Publikumsansprache garantiert dabei, dass möglichst viele Nutzer erreicht werden und sich über Facebook, Twitter und natürlich auch livekritik.de in die Diskussion einklinken und ihre eigene Meinung veröffentlichen können. Für die Zukunft bleibt zu wünschen, dass die Theater noch mutiger werden und es wagen, das Publikum stärker in den Kulturdiskurs miteinzubeziehen.
Ich hoffe, dass sich die Diskussion fortsetzt und freue mich auf Anlässe wie die nächste Konferenz “Theater und Netz” im Mai 2014. Aktuelle Diskussionen, Medienberichte und Blogbeiträge zur #ttw13 sind nachzulesen bei nachtkritik.de: 5 Tage, 5 Theater, 5 Stücke – die erste Twitter-Theater-Woche

 



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