My #Dailyvanish: Liebesbrief an die Vergangheit mit einem R4

13. November 2013
Der Renault 4 #dailyvanish

Der Renault 4 #dailyvanish

[tweetable]Da wird man auf seine alten Tage noch zum Autoblogger[/tweetable]. Ich wollte ja schon immer mal wissen, wie sich das anfühlt. Und dass diese gewinnbringend auch in fremden Gefilden unterwegs sein können, habe ich nicht zuletzt bei Ulrike Schmid gelernt. Anlass und Aufforderung für dieses Posting kam aber von Sebastian Hartmann, der im Rahmen einer Blogparade nach Dingen forscht, die aus unserem Alltag verschwinden. Und da das Objekt, über das ich schreiben möchte, ganz klar über viele Jahre zu meiner Alltagskultur gehörte und längst ein Opfer des #Dailyvanish geworden ist, hier also mein Nachruf auf den guten alten Renault 4.

Régie Nationale des Usines Renault
Einen ausführlichen Gedanken sende ich Dir, mein Bester R 4, an den Ort wo du jetzt bist. Vermutlich hast Du längst das Purgatorium durchlitten und schwebst einer ungeahnten Vollendung entgegen. Du hast mich begleitet, lange Jahre. Warst treuer Gefährte in den wilden Jahren der Jugend. Hast Deine braune, blaue, gelbe und schließlich weiße Karosserie bis in die Toscana und an die 
Côte d’Azur geschoben. Hast Dich mühsam über Brenner und Pyrenäen gekämpft, bist von Limousinen gejagt und von Lastwagen verfolgt – und doch immer mit mir ans Ziel gekommen. In den unendlichen Weiten Deines Kofferraums habe ich meine Erinnerungen gelagert, an die Jugend, an die Schule, an die erste eigene Wohnung, an die erste Liebe und an den Aufbruch ins Leben.

Ein Auto mit Charakter – und Revolverschaltung
Du warst immer schon ein wenig älter als ich, mindestens 3 Jahre, – die sich schonungslos auch im Rostfras bewiesen. Aber was für ein Charakter! Bei welchem Auto kann man heute noch durch die durchgerosteten Bodenbleche die vorüberrasende Fahrbahn erkennen? Im Sommer unmittelbar den Duft des warmen Asphalts im Autoinneren atmen und darüber melancholisch sinnieren, wie er sich mit einem Gemisch aus Benzin und muffiger Feuchtigkeit zu einer olfaktorischen Symphonie verbindet. Ein Auto mit Revolverschaltung, – allein der Name schon eine Versuchung: ein schwerer Knüppel neben dem Lenkrad. Geschoben, gezogen oder gekippt eröffnet er das Gefühl einer echten Mechanik, die das Fahrzeug und den Lenker bewegt. Ein wuchtiger Klappschalter für das Licht, einer für das Gebläse und ein Zugschalter für den Chocke (kennt heute keiner mehr). Überzeugende Übersichtlichkeit als Konzentration auf das Wesentliche. Durch Deine überdimensionale Heckklappe konnte man Fahrräder, einen Kontrabaß und sogar ein halbe Schulklasse (14 Personen) verladen. Bei Tempo 110 hm/h (erreichte man bergab mit Rückenwind) vibrierte das Lenkrad derart, dass man es mit beiden Händen fest fixieren mußte. Ein Motorblock, den man sogar als Geisteswissenschaftler verstand. Und Reifen, die man noch selber wechseln konnte. Und keiner mußte bei Dir auf einer Reise das Auto verlassen, sich an den Straßenrand setzen und darauf warten, dass die Seele nachkommt. Die war immer dabei. Und gegenwärtig.

Pope Francis receives a vintage Renault 4 to serve as Vatican wheels

Pope Francis receives a vintage Renault 4 to serve as Vatican wheels

Parade am Eifelturm
1961 warst Du der Star auf der IAA in Frankfurt. Wurdest mit einer großen Parade in Paris gefeiert. Zweihundert Deiner Brüder und Schwestern flanierten um den Tour Eiffel. Du warst in Editionen verfügbar, als “Safari”, “Rodeo”, “Plein Air” und sogar 
GTL. Die spanische Guardia Civil und die französische Gendarmerie haben Dich bis in die 90er Jahre gefahren. 31 Jahre wurdest Du alt und deine Familie zählte über 8 Millionen Geschwister. Deutschland hat Dich im Jahr 1988 verraten. Die Abgaswerte entsprachen nicht mehr der Norm.
Und jetzt warte ich auf deine Seeligsprechung. Beim Papst bist Du ja schon. Ich habe Tränen in den Augen.

 



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