Twittern als kognitive Ressource im Museum

6. Dezember 2012

“Durch dieses ständige Starren in die Handys geht doch jede Konzentration flöten”. “Wenn alle nur auf den Display starren, bekommen sie sich von der Ausstellung nichts mit”. “Das Handy ist Konkurrenz zum echten Objekt an der Wand”. So oder ähnlich lauten die klassischen Vorbehalte, wenn wir üblicherweise über das Twittern im Museum reden.

Konzentration und Stille, aber auch Gemeinschaftserleben und Dialog
Diesen Vorurteilen stelle ich jetzt einmal das Erleben entgegen, wie wir es zuletzt am 23.11.12 zum Tweetup im Jüdischen Museum München hatten: Konzentration und Stille haben diesen Tweetup begleitet. Fast andächtig folgten die Twitterer den Ausführungen der Kuratorin Piritta Kleiner, die durch die Ausstellung “Juden 45/90. Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion” führte. Die Blicke wechselten lebhaft zwischen den gezeigten Exponaten, der Kuratorin und den eigenen Displays. In den Tweets der Zuhörer verdichteten sich die Worte der Expertin und die subjektiven Wahrnehmungen des Publikums über Inhalte, Konturen und Atmosphäre der Ausstellung. Wenn das Museum mit der Ausstellung eine Geschichte zu erzählen hat, so potentierten die Tweets die Relevanz dieser Geschichte im digitalen Raum und wirken wie ein (internationaler) Multiplikator, der aus einer Botschaft viele Geschichten macht. In dieser Rezeption (die eben gerade nicht nur auf ein Expertenpublikum zielt, sondern den Empfängerkreis massiv erweitert) definieren sich maßgeblich auch Sinn und Zweck einer Ausstellung. Der Tweetup erweitert und ergänzt dabei klassische Vermittlungsarbeit in das 21.Jahrhundert.

Das Fotografieren als Prozess der Aneigung und Dokumentation von subjektiven Ausstellungserfahrungen
In den meisten deutschen Museen ist das Fotografieren verboten. Urheber-, Leistungsschutz- und Nutzungsrechte schränken die Abbildungs- und Zitierfähigkeit der Exponate ein. Ich wäre nicht der erste, der hier eine Reform und Neubesinnung fordert. In Zeiten, in denen das “digitale Sehen” (das Agieren mit dem digital device) ein fester Bestandteil der Rezeption wird und einen wesentlichen Aspekt der Kommunikation mit dem Publikum markiert, ist auch hierzu ein neuer Rechtsansatz gefragt. Das Fotografieren dient der digitalen Bestandsaufnahme und der persönlichen Aneignung bzw. kognitiven Dokumentation. Zudem belegt das Publikum über das “gesharte” Foto auch auf Plattformen wie Twitter, Instagram oder Flickr die eigene Wertschätzung und bemüht eine eigene Kontextualisierung innerhalb der jeweiligen Community.
Bei den Tweetups wird das Fotoverbot vielfach gelockert, aufgehoben oder zuvor so geklärt, dass die Teilnehmer entsprechende Aufnahmen machen und posten können. Problematische Objekte, die ggf. einem besonderen Abbildungsrecht unterliegen, werden vorab erklärt oder ausgenommen. Das funktioniert wunderbar. Die meisten Einrichtungen, bei denen ich Tweetups mitveranstaltet oder mitgemacht habe, haben bereits verstanden, welche Bedeutung das Foto in der digitalen Gesellschaft hat. Auch eine Vielzahl der im Jüdischen Museum verschickten 836 Tweets zeigen entsprechend Abbildungen der Exponate. Diese werden an das eigene (auch fremdsprachige) Publikum verschickt und vermitteln ein lebendiges Bild der Präsentation:

Twittern als verbindendes Gemeinschaftserlebnis
Für viele Teilnehmer (und vielfach auch das Führungspersonal, insbesondere in Deutschland) ist der Tweetup als Veranstaltungsformat ein Novum. Die Vorstellung, ein wild tippendes Publikum bzw. eine zu Teilen “virtuelle” Gruppe digitaler Teilnehmer durch eine Ausstellung zu “führen”, ist ungewohnt und gewöhnungsbedürftig.

Entsprechend haben wir immer wieder, auch bei erfahrenen Guides, Aufregung und Vorbehalte gespürt, die sich aber zuverlässig im Laufe des Events legten. So resümierte die Residenz in München: “Bleibt da nicht das Kunstwerk auf der Strecke, weil der Twitterer mehr mit seinem Handy als mit den Originalen vor Ort beschäftigt ist? Diese Skepsis teilten wir anfangs auch. In der Tat war es zunächst gewöhnungsbedürftig über das Handy gebeugte Köpfe zu sehen, während wir Hintergründe zur Sonderausstellung oder zur Grünen Galerie vermittelten. Aber das veränderte sich, denn die Köpfe waren nicht nur gebeugt. Tatsächlich stand uns eine sehr kunstinteressierte Gruppe gegenüber, die sich zusehend fasziniert auf das Raumkunstwerk der Grünen Galerie einließ. Wir gewannen den Eindruck, dass die Handys und abzufassenden Nachrichten phasenweise gänzlich vergessen wurden und sich die staunenden Blicke vollständig auf die Gemälde konzentrierten. Das täuschte wiederum auch: Die verschickten, humorvoll verfassten Beobachtungen der Twitterer waren doch erstaunlich präzise“. Auch Julia Geiger, Leiterin des Archiv Geiger in München, resümierte im Anschluß an einen Tweetup: “Es war tatsächlich ein wenig irritierend die tippenden Teilnehmer zu führen. Keine Blickkontakte, kein Feedback. Ziemlich verunsichernd! (…) Im Laufe der Stunde entspannte ich mich sichtlich und es machte echt Spaß, über die Werke zu erzählen, die normalerweise im Depot sind“.

Tatsächlich bietet der Tweetup mehrere Varianten eines verbindenen Gemeinschaftserlebnisses:

  1. Eine Verbindung zwischen den einzelnen Teilnehmern vor Ort, die nicht nur gemeinsam in einer Gruppe durch ein Museum laufen, sondern auch digital “zusammen” sind und die Verantwortung für einen live vorgetragenen, kollektiven Nachrichtenstream tragen. Die Teilnehmer interagieren dialogisch und kommentieren, bewerten und unterstützen sich dabei vielfach gegenseitig.
  2. Im Sinne des Prinzips von Ursache und Wirkung dokumentiert das Publikum vor Ort unmittelbar seine Bewertung von Ausstellung bzw. Führung und macht diese für ein größeres Publikum sichtbar. Zwischen dem Guide und den Besuchern entsteht ein dialogisches Spannungsverhältnis, das über die klassische Vortrags- und Rezeptionskultur hinaus geht..
  3. Eine Verbindung zwischen den Teilnehmern vor Ort und den externen Teilnehmern, die durch eigene Tweets in den Nachrichtenstream eingreifen. Hier wird “Ferne”, wie der Dialog zwischen den beiden Teilnehmern @HALBZWEI (Twitterer vor Ort) und @visitatio (externer Twitter) aufzeigt, relativ:

  4. Eine Verbindung zwischen den externen Teilnehmern und dem Führungspersonal, die in einen realen Dialog treten können und das Reale mit dem vermeintlich “Virtuellen” zusammen führen. Hier am Beispiel einer direkten Aufforderung von @KultUp an mich (als externer Teilnehmer) beim Tweetup im Stadtarchiv Speyer:

Twittern als Rauschzustand und Gruppentherapie?
Das mobile Device funktioniert beim Twittern als Transportmittel in eine narrative Welt. Die in 140 Zeichen fixierten Botschaften dokumentieren Kurzbotschaften an die eigene Community und die, über den gemeinsamen Hashtag gebundenen, Mitleser des Tweetups. Die formalen Eigenheiten eines Tweets neigen dabei gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen: zum Wesentlichen, aber auch zum Überflüssigen, zum Konzisen, aber auch zum Weitschweifigen. Grundsätzlich scheint zu gelten: je mehr Twitterer am Event teilnehmen, umso intensiver und leidenschaftlicher wird der Dialog, wächst das gemeinsame Agieren (Hören, Sehen/Fotografieren, Lesen, Schreiben) in einen vorsichtigen Rauschzustand.
Der Tweetup bleibt aber „inszenierte Kommunikation“ und das Schreiben via Twitter ist ein Akt der Verständigung. Dieser dient naturgemäß dem Austausch von Gedanken und Gefühlen. Dabei hat der Event durchaus eine eigene „Dramaturgie“, d.h. einen Ablauf mit Opening, Mittelteil, Höhepunkten unterschiedlicher Intensität und schließlich einem Finale. Zudem hat der Event eigene „Symbole und Rituale“: dazu dürfte die Kennzeichnung der eigenen Botschaft mit einem zuvor vereinbarten Schlagwort (“Hashtag”) oder das gemeinsame Einchecken ins W-LAN gehören.
Beim Film (oder beim Gaming) bezeichnen wir einen Prozess, der die ganze Aufmerksamkeit eines Zusehers auf eine Erzählung zieht, als “Transportation”: „transportation as a convergent process, where all of a person’s mental systems and capacities become focused on the events occurring in the narrative“. Ich will aus dem Twittern keine Wissenschaft machen, dafür macht es einfach auch nur “Spaß”, denke aber doch, dass die intensive Teilnahme an einem Tweetup einen der “Transportation” vergleichbaren Prozess initiiert. Diese (subjektiv erlebte) “Transportation” wäre ein komplexer mentaler Vorgang, der über das einfache Aufnehmen externer Informationen hinausgeht. Der Twitterer hört nicht nur der Führung zu (und lässt sich ggf. in eine Narration hineinversetzen), sondern “involviert” sich und stellt aktiv Bezüge zwischen der narrativen und der eigenen Welt her. Diese kommuniziert er nach Außen. Dass das nicht ohne Anstrengung geschieht, kann jeder Teilnehmer an einem Tweetup wohl bestätigen: nach dem Event fühlt man sich “geflasht” und erschöpft.

Twittern als Sudelbuch und Skizzenblock
Im August 2012 hat Tobias Becker auf dem KulturSPIEGEL einen lesenswerten Artikel über die literarischen Qualitäten von Twitter publiziert: “Twitter ist das optimale Medium für Aphorismen. Es bietet große Gedanken in kleinem Format“. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass “Twitterer (…) das Medium  als supermodernes Sudelbuch (nutzen), mit dessen Hilfe sie die Welt aufmerksamer beobachten; schreibend denken sie über sie nach”. Zudem zitiert er den Literaturprofessor Stephan Porombka, der die kreativen und pädagogischen Einsatzmöglichkeiten von Twitter untersucht: “Kulturkritiker mögen das eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten nennen. Doch damit liegen sie falsch. Hier hat man es mit einem Notiz- und Skizzenblock zu tun, in dem nach neuen Möglichkeiten des Jetztzeiterzählens im Netzwerk geforscht wird”. Bei Porombka wird das Twittern zu einem befreienden dynamischen Akt, weil es die Bewegung der Gedanken abbildet und sich in einem Schwarm bewegt: “Das Notieren und Skizzieren wird (…) mit großer Leichtigkeit betrieben. Es regiert der Sinn für Flüchtigkeit. Er paart sich mit der Einsicht in die eigene Beliebigkeit, Bedeutungslosigkeit und Endlichkeit. Statt geizig nach dem eigenen großen Werk zu schauen, geht es um das Weitergeben und Teilen. Individualität stellt sich nicht über das her, was früher einmal Totalität hieß. Groß wird man dann, wenn man die Sachen hier und jetzt an andere weitergeben kann“.

Twittern als Hilfsmittel im Lernprozess
Weiter geht dann noch eine US-Studie, die kürzlich Twitter nicht nur als neue literarische Praxis, sondern auch als funktionales und sinnvolles Hilfsmittel für Studenten im Lernprozess belegt hat: “twitter is evidently one of the best tools for learning and becoming an engaged student“. Die Studie machte deutlich, dass Twitter pädaogisch sinnvoll eingesetzt werden kann und insbesondere in Fragestellungen des studentischen Engagements, aktiven Lernens, der Dialogförderung mit dem Lehrpersonal, Bereicherung der Diskussionskultur, Reflektion und Peer Review positive Wirkung habe: “Young people’s varied use of Twitter in learning settings was found to support a number of positive educational outcomes, including increased student engagement, active learning, improved relationship between students and instructors, and higher grades. (…) They found that students’ use of Twitter was linked to a number of educative aims, including fostering “rich discussion of [literature] themes” through students’ directly addressing other students, peer questioning, and reflection”.

Ich denke, dass die beschriebenen Aspekte deutlich machen, dass der Einsatz partizipativer digitaler Konzepte in Bildungsträgern Sinn macht. Das Konzept sollte sich freilich nicht in einer handvoll Tweetups erschöpfen, sondern weiter geführt werden. Michael Müller hat dazu jüngst auf dem Blog Culture to Go ein schönes Beispiel beschrieben. Es ist ein weites Feld.

 



9 comments

  1. Hervorragender Artikel, lieber Christian,

    der hilft mit Sicherheit auch, die Augen jener zu öffnen, die Twittern für eine sinnlose Beschäftigung halten. Dass es sich hier um eine neue Kulturtechnik handelt, die sehr wohl auch Vorteile für die “Hochkultur” bringen kann, wenn man sich ihr gegenüber nur endgültig öffnen mag, das sehen die wenigsten Kolleginnen und Kollegen. Aber steter Tropfen hölt den Stein und je mehr Argumente wir da sammeln – umso besser. Und wenn es jemand dann noch so klug formuliert …
    Danke und herzliche Grüße von Anke

  2. toller Artikel. Diesen werde ich mal meinen Freunden zeigen. Das Problem ist: Viele benutzen Twitter nicht weil sie es gar nicht kennen bzw. wissen nicht für was Twitter da ist. Vielleicht öffnet dein Artikel Ihnen ein wenig die Augen. Wünsche allen ein gutes neues Jahr. :)

  3. Ich persönlich nutze Twitter echt unheimlich gerne, auch lieber als Facebook – solche Sachen wie Instagram benutze ich gar nicht – das Problem ist halt, es nimmt am Tag schon sehr viel Zeit ein, wenn man mal überlegt, was ich am Tag auf mein Handy starre und was man in der Zeit machen könnte, andererseits zeigt dein Artikel mal ganz deutlich, zu welchen sinnvollen Zwecken man es verwenden kann, es kommt halt immer drauf an wie man es benutzt, es ist wie mit dem Fernseh schauen: Es kommt drauf an, was man guckt. :)

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