7 Fragen an Ulrike Schmid über das in Frankfurt so erfolgreiche Format der KultUps

7. September 2012

Im festen Blick auf den nächsten Münchner Tweetup im Archiv Rupprecht Geiger am 17.09. habe ich noch einmal nach Frankfurt geblickt und einer der Initiatoren der dort so erfolgreichen KultUps, Ulrike Schmid, sieben Fragen gestellt.
In beinah dichter Serie nehmen die Tweetups in München (“Kulturkonsorten“) und Frankfurt (“KultUp“) mittlerweile die bundesdeutsche Kulturlandschaft in den Griff und erweitern den Kulturbegriff konsequent in den digitalen Raum. Tatsächlich ziehen zunehmend weitere Initiativen in anderen Städten (Bsp. “El Greco”-Tweetup in Düsseldorf oder Tweetup in Berlin) nach, so daß die Presse bereits von einem “Trend” spricht.

Ulrike Schmid

Ulrike Schmid

Ulrike Schmid realisiert in Frankfurt am Main mit Ihrer Agentur für Kommunikationsberatung u.s.k. PR-Konzepte für Kultureinrichtungen und Künstler, bei denen Social Media integraler Bestandteil ist. Seit 2008 betreibt sie mit Kultur 2.0 einen unbedingt lesenswertes Blog über Themenstellungen aus den Bereichen Kulturvermittlung, Kultur-PR und Social Media. 2010 publizierte sie die erste Studie zum „Social-Media-Engagement deutscher Museen und Orchester“. Im Frühjahr 2012 hat sie das Format der “KultUps – tweet up your cultural life!” maßgeblich mitinitiiert und seitdem eine ganze Reihe von Events in Frankfurter Institutionen (wie dem MMK, Museum für angewandte Kunst, Schirn, Liebieghaus und Historischen Museum) durchgeführt. Am 16.09. findet dann der fünfte KultUp beim hr-Sinfonieorchester statt.

1.Tweetups in Kultureinrichtungen gibt es in Deutschland erst seit dem letzten Jahr. Was denkst Du, warum sich dieses Format erst langsam dem deutschen Publikum erschließt?

Ein neugieriges und interessiertes Publikum für Kultur-Tweetups ist durchaus vorhanden, allerdings tun sich Kultureinrichtungen eher schwer mit dem Medium Twitter. Mir scheint, dass sich ihnen die Vorzüge dieses Mediums noch nicht ganz erschlossen haben. Twitter haftet leider immer noch zu sehr das Vorurteil des Mediums an, wo nur über Kaffeetrinken gesprochen wird.  Aber erfreulicherweise ist in den letzten Wochen und Monaten da einiges in Bewegung gekommen.
Nachdem ihr in München mit den professionell organisierten Tweetups den Anfang gemacht habt
und erste Erfolge hattet und wir die Idee in Frankfurt aufgegriffen und weiterentwickelt haben, organisieren jetzt auch andere Tweetups, zum Beispiel in Düsseldorf zur El-Greco-Ausstellung oder beim Beethovenfest Bonn.

2.Was unterscheidet die Frankfurter KultUps von den anderen bundesdeutschen Tweetups? Gibt es eine besondere lokale Prägung? Sind die Frankfurter Museen offener gegenüber neuen Formaten als der Rest der Republik?

http://kultup.org

http://kultup.org

Um mit den letzten beiden Fragen anzufangen: Eine lokale Prägung gibt es nicht. Ebenso wenig halte ich die Frankfurter Museen (und Kultureinrichtungen) für offener als andere in Deutschland. Wir sind auch lokal nicht festgelegt. Im November findet zum Beispiel ein KultUp im Stadtarchiv Speyer statt.
Uns unterscheidet von anderen, dass wir das Thema Kultur-Tweetup konsequenter und umfassender angegangen sind. Das zeigt sich schon daran, dass wir einen eigenen Namen – „KultUp – Tweet up your cultural life!“ – gewählt haben, um damit deutlich zu machen, dass es bei unseren Tweetups um mehr als ein reines Zusammentreffen von Twitterern geht. KultUps sind außerdem als Reihe von Tweetups angelegt und nicht als singuläres Event. Wir bauen organisch eine Community auf, die wir von KultUp zu KultUp mitnehmen.
Von Anfang an haben wir KultUps als Public Relations betrachtet, was stark mit meinem Beruf zusammenhängt. Uns ist die Beziehungspflege, auch über die einzelnen Events hinaus, sehr wichtig. Außerdem bieten KultUps den Twitterern schon im Vorfeld etwas, weil wir sie sorgfältig vor- und nachbereiten. So sind bei uns nicht nur Blogbeiträge zur Ankündigung und als Zusammenfassung ein Muss.
Im Vorfeld des KultUps twittern wir bereits weiterführende Links, Fotos, Künstlerzitate oder veröffentlichen ein Interview zum jeweiligen Thema im KultUp-Blog. Auch während des Tweetups soll den Twitterern ein Mehrwert geboten werden. Der besteht zum Beispiel darin, dass in Museen ganz besondere Stücke gezeigt werden, dass der KultUp eine Preview darstellt, die Twitterer also die ersten sind, die in den Genuss einer neuen Ausstellung kommen, oder dass die Twitterer eine andere Perspektive einnehmen können. Bei einem KultUp geht es immer auch um Kulturvermittlung, allerdings ohne belehrend erhobenen Zeigefinger.
Darüber hinaus pflegen wir Blogger-Relations und kümmern uns, teils in Zusammenarbeit mit den Kultureinrichtungen, um die begleitende Medienarbeit zu den KultUps. Schon beim ersten KultUp wurde die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf uns aufmerksam. Ein Bericht in diesem Medium ist natürlich eine tolle Referenz und weckt das Interesse von anderen Kultureinrichtungen. Auch die Frankfurter Neue Presse und die Frankfurter Rundschau sowie überregionale Magazine haben mittlerweile über uns berichtet.

3. Der Tweetup zur Ausstellung von Jeff Koons am 26.7.12 in Schirn und Liebieghaus dürfte (nicht nur in der Anzahl der teilnehmenden Twitterer) für einige Zeit einen Standard setzen, der schwer zu toppen sein wird. Wie bewertest Du diese Veranstaltung?

Ausstellungsansicht Liebieghaus Skulpturensammlung Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht
Liebieghaus Skulpturensammlung
Foto: Norbert Miguletz

Ja, mit rund 75 Teilnehmenden und einem totalen Twitter-Ausfall zu Beginn der Führungen geht dieser KultUp sicherlich in die Geschichte ein. Natürlich ist der Erfolg des Koons-KultUp auch darauf zurückzuführen, dass Schirn und Liebieghaus zwei Kultureinrichtungen sind, die nicht nur über eine hohe Reputation verfügen, sondern bereits über Jahre eine eigene Social-Media-Community aufgebaut haben. Nachdem Twitter sich glücklicherweise erholt hatte und wieder Tweets verschickt werden konnten, zeigte sich schließlich, wie gut das Konzept, zeitgleich aus zwei Ausstellungen zu twittern, aufgegangen ist. Die Doppelausstellung „Jeff Koons. The Painter“ und „Jeff Koons. The Sculptor“ wurde so auf einzigartige Weise erlebbar, weil die KultUp-Teilnehmenden gerade Gesehenes und Erlebtes in den jeweiligen Museen twitterten und direkte Bezüge zwischen einzelnen Koons-Werken für sich und die KultUp-Online-Community herstellen konnten. Dieses gemeinschaftliche Kunsterleben war so nur via Twitter möglich. Hier hat sich gezeigt, dass man mit solch einem Event sehr viele Menschen begeistern und erreichen kann. Deshalb freuen wir uns, dass der Koons-KultUp so ein großer Erfolg war.

4. Wie bewerten die Institutionen Eure Veranstaltungen? Gibt es Unterschiede vor und nach den Tweetups?

Die Kulturinstitutionen bewerten die KultUps durchweg positiv und schreiben das auch in den resümierenden Blogbeiträgen. Mit einer Ausnahme fanden die bisherigen KultUps in Kultureinrichtungen statt, die im Social Web noch nicht überall vertreten sind und teils vor dem KultUp noch keinen eigenen Twitter-Account hatten (was allerdings auch nicht erforderlich ist). Diese Kultureinrichtungen erfahren durch die KultUps, welche Möglichkeiten Twitter in der Vermittlung kultureller Inhalte bietet und können ihre Ressentiments gegenüber diesem Medium abbauen. Das ist uns gelungen.

5.Wie viele Teilnehmer habt Ihr im Durchschnitt und was für Menschen kommen zu den KultUp-Veranstaltungen?

Wir haben in der Regel vor Ort 10 bis 20 Teilnehmer und noch circa 20 bis 30, die virtuell teilnehmen, wobei es von KultUp zu KultUp mehr werden. In erster Linie kommen zu den KultUps kulturaffine Menschen, die beruflich mit Kultur zu tun haben, aber auch Leute, die sich einfach für Ausstellungen und Musik interessieren. Der Altersdurchschnitt variiert und liegt zwischen 25 und 50 Jahren.

6. Mit dem Tweetup beim hr-Sinfonieorchester am 16.9. verlasst Ihr zum ersten Mal das Museum als Veranstaltungsort und geht in eine Musikveranstaltung. Was haben wir da zu erwarten?

hr-Sinfonieorchester Foto: hr/Anna Meuer/Tim Wegner

hr-Sinfonieorchester Foto: hr/Anna Meuer/Tim Wegner

Vorweg: Es war von Anfang an unser Anliegen, unterschiedliche Kultureinrichtungen zu besuchen. Dass es sich bei den ersten vier KultUps um Museumsbesuche gehandelt hat, war eher zufällig und der Nachfrage seitens der Museen geschuldet. Außerdem muss bei einem Orchester-, Theater- oder Opernbesuch noch viel genauer überlegt werden, was sich als Thema eignet, damit es auch für die virtuellen Teilnehmer interessant ist – auch ohne Musik.
Beim KultUp (5) werden wir an der Werkstattprobe und Aufführung von Richard Strauss’ sinfonischer Dichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ unter der Leitung von José Luís Gómez teilnehmen. Dieser KultUp findet im Rahmen des Tages der offenen Tür der hr-Orchester statt.
Die Vor-Ort-Twitterer werden einen Perspektivwechsel erleben, indem sie hinter den Orchestermitgliedern sitzen und den Musikerinnen und Musikern im wahrsten Sinne des Wortes über die Schulter und dem Dirigenten ins Gesicht blicken werden. Sie erleben also hautnah, welche Interaktionen zwischen den Musikerinnen und Musikern und zwischen Orchester und Dirigent stattfinden.
Wie gewohnt, wird der KultUp moderiert, wobei dieses Mal das Orchestermanagement des hr-Sinfonieorchesters die Moderation übernimmt und über den Twitter-Account @hronline Fragen zur Musik und zum Orchester beantwortet. Außerdem wird es in der Goldhalle, dem Foyer des hr-Sendesaals, eine Twitterwall geben, sodass alle Besucher vor Ort vom KultUp erfahren und ihn mitverfolgen können.

7. Einige Kritiker behaupten, dass man Kultur nicht twittern kann. Was würdest du denen entgegnen?

Natürlich ist es möglich, über kulturelle Themen zu twittern! Sinn- und gehaltvoll noch dazu. Die Tweetups sind ja der beste Beweis dafür. Ich denke, Kultureinrichtungen fürchten eher den Kontrollverlust und haben Bedenken, dass über die „hehre Kunst“ nicht ernsthaft genug gesprochen wird. Ihnen sei aber gesagt, dass bei den KultUps immer mit viel Ernsthaftigkeit getwittert wird. Ein bisschen Spaß ist allerdings auch meistens dabei. So hat es zuletzt auch das historische museum frankfurt erlebt: „Wir waren beeindruckt vom Interesse der TwitterInnen an unseren Themen und von dem, was getwittert wurde – da ging es vor allem und in erster Linie um Inhalte. Der oben erwähnte Staubsauger ist dann so etwas wie das Sahnehäubchen, denn Museum soll ja auch Spass machen.“

Liebe Ulrike, vielen Dank für Deine Antworten!



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