dMAPS – mit der APP über die dOCUMENTA 13

17. Juli 2012

Ich nehme meinen Besuch in Kassel vor wenigen Tagen zum Anlaß, dem ersten Bericht über den digitalen Raum der dOCUMENTA ein paar Gedanken über die kostenlose App zur Ausstellung folgen zu lassen.

Gleich vorab: ich habe mich redlich bemüht, beim Besuch der dOCUMENTA vornehmlich die App für Orientierung und Information zu benutzen. Vieles auf der Anwendung ist spannend und hilfreich, – leider einiges aber auch frustrierend oder sogar massiv störend. Ich persönlich hatte den Eindruck, dass die App zwar einen anspruchsvollen technischen Rahmen offerierte, dann aber beim eigentlich Content seltsamen Strategien folgte oder einfach nicht umfassend redaktionell ausgearbeitet wurde. Der für mich wichtigste Fehler (neben einigen Usablity-Mankos): ich verstehe nicht, warum die Künstlerinfos auf wenige biographische Daten beschränkt wurden und in der Regel nichts, aber auch gar nichts, über die Werke gesagt wird. Die App bietet kaum Hilfe bei der Identifikation (etwa Titel oder Foto) oder Erklärung eines Kunstwerks, noch eine Handreichung zur Einordnung des Objekts in einen kuratorischen oder kulturhistorischen Zusammenhang. Bei einer Handvoll Künstler sind zusätzliche Videobeiträge eingebettet, die man dankbar annimmt. Für den gesamten Rest braucht es dann wieder den gedruckten Katalog. Das ist lästig, mühsam und unbefriedigend. Mit der App alleine ist man auf der dOCUMENTA schlecht unterwegs.

dMAP – Daten und Kommunikation
Die App liegt in einer Version für iphone und Android vor und kann via itunes und Google Play heruntergeladen werden. Wer sie nicht auf dem eigenen Smartphone installieren möchte, kann auch vor Ort (Instrumente mit der dMAPS-Applikation sind erhältlich bei der dMAPS-Station neben dem Hauptkartenschalter am Friedrichsplatz) ein Leihgerät bekommen.
Der Download der App ist heftig, da diese quasi im Rohzustand bereits satte 63.2 MB umfasst. Installiert man sie mit allen Mediendaten kommt man auf voluminöse 1,5 GB. Wer sich die App also nicht im Vorfeld mit allen Mediendaten angereichert hat, kämpft bei der Nutzung laufend mit Warnhinweisen auf große Downloads und Updates (oder im Nachgang mit einer massiven Telefonabrechnung). Grundsätzlich sind Videobeiträge wohl spannend, – in der exemplifizierten Fülle aber sicher zuviel des Guten (und teils auch nicht wirklich zielführend und hilfreich). Wünschenswert wäre dann wenigstens auch eine Wifi-Zone oder W-Lan (etwa an den Kartenschaltern) gewesen, – aber nix da. Schade! Liebe Museen und Ausstellungsmacher, – wenn Ihr Eurem Publikum schon fette Apps anbietet, dann sorgt dafür, dass man diese auch benutzen kann. Wer macht schon tolle Ausstellungen und nagelt dann die Türen zu?

dMAP – das Konzept
dMAPS wurde von der italienischen Design Company Leftloft gestaltet und von der Fa. Linon Medien  entwickelt und produziert. Das grafische Interface ist direkt, einfach, handlich und übersichtlich. So soll es sein.
Die dOCUMENTA hatte mit dMAP (Konzeption: Nicola Setari) ein digitales Tool zur Orientierung, Interpretation und Partizipation “an den mentalen und physischen Räumen” der Ausstellung versprochen und wie folgt angekündigt: “(…)  Den Besuchern wird eine intelligente Kartografie, kombiniert mit Geolokations-Technologien an die Hand gegeben, die es ihnen erlaubt, mit Gewissheit ihre Position zu bestimmen, ihren Weg zu den verschiedenen Bereichen der Ausstellung zu finden und diese zu erleben. Die Räume der dOCUMENTA (13) sind auf zuvor nie erprobte Weise über das gesamte Kasseler Stadtgebiet verteilt. Die Programmierung von dMAPS bietet die Möglichkeit, den Besuchern ein Verständnis der Kasseler Stadtgeschichte der Nachkriegszeit zwischen Zusammenbruch und Wiederaufbau und im Hinblick auf die zeitgenössische Kunst zu vermitteln. (…) dMAPS beruht auf einigen der effizientesten Funktionen von Anwendungen, die speziell für Ausstellungen entwickelt wurden. dMAPS vermeidet es jedoch, die Logik von Audio- und Multimedia-Guides einfach auf das Mobilgerät zu übertragen. Anstatt Erklärungen zu den Kunstwerken zu liefern, fungiert es als Mediaplayer, der es den Besuchern ermöglicht, zuzuhören und etwas zu empfinden; es kann sie in eine Stimmung versetzen, die unterschiedliche Perspektiven für eine engagierte Beschäftigung mit der Kunst auf der dOCUMENTA (13) eröffnet. Eine wichtige Rolle werden Gespräche mit einigen an der Ausstellung beteiligten Künstlern spielen, die während der Vorbereitungstreffen aufgezeichnet wurden. Ein anderes Feature wird in Zusammenarbeit mit ausgewählten Künstlern entwickelt; diese werden die Nutzer in einer aufgezeichneten Audiotour durch einen kleinen Bereich der Ausstellung begleiten, sodass man sie mit ihren Augen sehen kann (…)”. Das sind große Worte, – wie man sie von solchen Presseerklärungen wohl erwartet. Vielleicht recht hoch gegriffen, denn zur Kasseler Stadtgeschichte, Zusammenbrauch und Wiederaufbau habe ich nicht wirklich Informationen gefunden.
Die versprochenen Audiotouren sind aber zuweilen interessant und hilfreich. Thomas Bayrle führt z.B. in Kurzbeiträgen zu einigen (nicht nur den eigenen) Objekten in documenta-Halle. Schade, dass man die einzelnen Beiträge dann aber nur “Stopp 1″, “Stopp 2″ etc. benannt hat und es dem Hörer wieder selbst überlassen bleibt zu recherchieren, über welches Exponat der Künstler gerade spricht. Ich denke, dass viele Besucher die App als Ausstellungsbegleiter verstehen und eben doch (auch) wie einen Audio- und Videoführer benutzen wollen. Da scheint es eher wenig hilfreich, genau diese Funktion abzulehnen und nicht zu deckeln. App, Katalog, Flyer, Führungen etc. sollten sich im Idealfall ergänzen. “Atmosphärisch” mag die App, vor allem in den Videobeiträgen im Glossar, einiges transportieren, – vor Ort wird das aber kaum einer wirklich umfassend nutzen (zumal es in der unschlagbaren Konkurrenz mit den Originalen steht). Im Idealfall bietet die App Inspiration bei der Besuchsvorbereitung (tut sie), Instrumente zur Orientierung, Info und Service vor Ort (tut sie in teilweise) und dann gerne auch noch vertiefende Informationen (z.B. Links auf flankierende Plattformen, Anwendungen, Informationen, etc.) zur Nachbereitung (tut sie eher nicht). Meines Erachtens wäre bei der App noch mehr “drin” gewesen, wenn man einem inhaltlichen, didaktischen und redaktionellen Konzept mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

dMAP – Geolokalisierung: Wo ist die Kunst und wo bin ich?
Die Geolokalisierung hat gut funktioniert, die Karte war schnell geladen und meine Position auch sauber markiert. Da die dOCUMENTA dieses Jahr auch wieder zahlreiche Aussenstandorte im Kasseler Stadtgebiet verzeichnet, wäre aber auch eine Visualisierung bzw. Weginfo zum nächsten gesuchten Standort hilfreich gewesen. Während jeder einzelne Sparkassenautomat (und jedes WC) auf der Karte sofort und unabdingbar zu erkennen war, habe ich bei der Lokalisierung der Kunststandorte zuweilen lange gesucht bzw. irgendwann entnervt aufgegeben. Auf dem Friedrichsplatz war das wie Ostereier-Suchen: man wusste zwar über sechs Objekte im freien Raum, fand aber keine Abbildung oder präzisen Hinweis, wo das Kunstwerk stand oder um was es sich handeln konnte. Hilfreich wäre es gewesen, die Standorte wenigstens aus dem schriftlichen Listing jeweils sauber auf die Karte zu verlinken (bzw. umgekehrt). So habe ich meistens wieder zum gedruckten Flyer (und Katalog) gegriffen und das Smartphone entnervt in die Tasche geschoben. An der Usability der App könnte man hier noch deutlich arbeiten und diese verbessern! Dabei frage ich mich, ob so eine App nicht auch für die nächste documenta weiterentwickelt und verbessert werden könnte (sofern die Technologie migrationsfähig ist), – warum jedes mal das Rad neu erfinden?

dMAP – Partizipation und “wahrnehmungserweiternde Stimmungen”
Zum Thema Partizipation heißt es auf der Website der Sparkasse zur App: “(…) Das digitale Instrument dMAPS bietet alternative Herangehensweisen und neue Zugänge zur Kunst. Eine Vielzahl von Anwendungen ermöglicht ein multimediales Erleben von Kunst. Videos und kurze Texte informieren über die Künstler und ihre Biographien. Mit Audiotouren führen ausgewählte Künstler selbst durch Teile ihrer Ausstellungen, sodass die Werke aus ihrer Sicht wahrgenommen werden können. Gleichzeitig sind die Rundgänge durch Karten visualisiert. Musikstücke, die die Künstler vorschlagen, können während des Betrachtens eines Werkes gehört werden. Die so erzeugte Stimmung setzt Wechselbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Kunstformen frei und erweitert so die Wahrnehmung. Durch diese vielfältigen Anwendungen werden neue Interpretationsmöglichkeiten geschaffen. Die Rezeption der Kunst erhält auf diese Weise neue Perspektiven und Standards werden neu gedacht. Darüber hinaus stehen in Form von kurzen Videos über Entstehungsprozesse und hinter der Ausstellung stehende Ideen Hintergrundinformationen zur dOCUMENTA (13) zur Verfügung. In einer Einführung kommt die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev selbst zu Wort. Damit ist dMAPS weder eine standardisierte App zur räumlichen Orientierung, noch ein gängiger Audioguide. Das Multimedia-Tool verbindet verschiedene Features zu einer innovativen Anwendung, die auf verschiedenen Ebenen die Teilhabe an der dOCUMENTA (13) unterstützt. Die Fülle an zusätzlichen Informationen, die auf so unterschiedliche Weise dargeboten wird, ermöglicht eine individuelle Gestaltung Ihrer persönlichen dOCUMENTA (13)-Erfahrung (…)”.
Hm, also entweder habe ich jetzt etwas überlesen, oder ein grundlegend anderes Verständnis von “Partizipation”. An keiner Stelle in der App kann der User interagieren, ja nicht einmal Inhalte bewerten, kommentieren oder sharen. Partiziation kann sich ja nicht auf das Drücken eines Start-Buttons beschränken. Mein Eindruck: da hat jemand das Prinzip Partizipation nicht verstanden (oder eben Angst vor einer wirklichen Besucherbeteiligung?). Offener waren die teilnehmenden Künstler zuweilen selbst, die eben wie Theaster Gates die eigene “Arbeit” (hier: das sog. Hugenottenhaus) durch ein Tumbl-Blog und eine Flickr-Seite  flankieren. Schade, dass solche Infos dann nicht aus dem digitalen Raum der dOCUMENTA verlinkt werden. Sinnvoll (und auch eine Variante der Partizipation) wäre es vielleicht auch gewesen, den (digitalen) Videowalk von Janet Cardiff und George Bures Miller direkt aus der App verfügbar zu machen, – so steht man im Hauptbahnhof für ein Ausleihgerät an, und hält dann neben dem eigenen Smartphone einen weiteren iPod in der Hand.

Links zur App:
Info zur App auf der Website der dOCUMENTA
Website zur App der Sparkasse
Download für iphone via itunes
Download für Android via Google play

Kulturmanagement Portal: “Die dOCUMENTA (13) App”
Testbericht androidpit
Tine Nowak auf ihrem Blog tinowa.de/blog



2 comments

  1. Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Ich hatte einen Tag auf der Documenta mit dMaps und wollte schon einen Kommentar dazu verfassen. Jetzt kann ich einfach auf diesen Blog verweisen.

Kommentar hinterlassen

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen