Aufbruch zum Museum der Zukunft

23. April 2012

Im Folgenden eine vorsichtig gekürzte Fassung meiner Eröffnungsrede zur Tagung “aufbruch. museen und web 2.0” am 20.04.2012 in München

Tagung "aufbruch. museen und web 2.0"

Tagung "aufbruch. museen und web 2.0"

Aufbruch?!
Wir haben dieses Jahr eine Weile überlegt, ob die Metapher des Aufbruchs für eine Tagung im zweiten Jahr noch zulässig ist. Socialmedia hat sich kräftig entwickelt. Und wie oft kann man aufbrechen, bis der Terminus einfach hinfällig ist, – weil sich alle längst auf der „Reise“ befinden? Nun, von „allen“ können wir noch lange nicht reden, von „vielen“ zumindest im Blick auf die Institutionen noch nicht wirklich, ganz sicher aber von „immer mehr“. Aber der digitale Raum ist dialogisch, bipolar und er hat zwei Blick- und Marschrichtungen: wir hier denken vielfach aus der Perspektive der Institutionen, weil die Kommunikation bislang von den Häusern an das Publikum gelaufen ist. Neu ist die Gegenbewegung (die nicht wirklich eine solche, also „dagegen“ ist, sondern explicit das „miteinander“ sucht), das „Engagement“ des Publikums, der „Crowd“. Es ist also nicht wirklich klar, wer da eigentlich aufbricht bzw. wer sich da auf wen zubewegt.

Der Beginn einer Reise
Das Deutsche Wörterbuch definiert den „Aufbruch“ als „Beginn einer Reise“. Und auf einer solchen befinden wir uns wohl, – mit allen Gesellschaften, Systemen und Kulturen. Die digitale Revolution hat politische, ökonomische, soziale und kulturelle Folgen, überall, – die wohl jeden von Ihnen irgendwo schon erreicht haben. Das anfangs gewählte Bild einer „Reise“ scheint mir dabei nicht unproblematisch. Sie impliziert irgendwie immer auch die Option einer Heim- oder Rückkehr (in die Sicherheit). Und ich glaube, dass sich viele auf Social Media mit genau diesem Gefühl einlassen. An dieser Stelle ist das Bild des Aufbruchs wohl falsch. Wir verändern uns, der Umgang mit Kultur verändert sich. Der Aufbruch ist ein Synonym für dauerhafte Veränderung, für den kollektiven Wandel, für eine neue Kulturtechnik, die gerne in der Wertigkeit und Wirkung mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen wird. Die digitale Renaissance bietet die Chance einer Wiedergeburt im Sinne der „digital humanities“,  aber auch im Sinne eines neuen, echten und offenen Dialogs zwischen den Institutionen, Menschen und Objekten. Der Paradigmenwechsel macht unsere Museen zu Plattformen (oder gibt ihnen die Chance dazu), – im analogen wie im digitalen. Das Publikum hat die Chance Teil eines offenen Urteilsprozesses zu werden und die Museen sind die Agora, auf der wir kommunizieren und interagieren.

Infographik zum "Museum der Zukunft"Der Kanon
Der klassische museale Kanon des SAMMELN, BEWAHREN, FORSCHEN und VERMITTELN wird also erweitert und Disziplinen wie TEILEN und neue Varianten des KOMMUNIZIERENS. „Sharing is caring“ lautet eine Maxime, es geht um neue Schnittstellen und den „Dialog statt Monolog“.

Im Aufbruch stehen wir heute an einer anderen Stelle als letztes Jahr. In Deutschland (vor allem in Bayern) hatten sich damals nur wenige Kultureinrichtungen auf das neue Feld eingelassen und über Blogs oder Social Media den digitalen Raum vorsichtig erkundet. Mit unserer Tagung haben wir zumindest ein paar Impulse geben können, den Blick geschärft. Heute sind viele von Ihnen bereits auf dem Weg, einige recht zielsicher und erfolgreich, andere vorsichtig und verhalten, die meisten womöglich nur „irgendwie“ und zahlreiche noch gar nicht. Wir hoffen mit dieser Tagung wieder ein wenig mehr Licht zu bringen und sie für den Weg, den Aufbruch weiter zu motivieren.

Das Objekt im Museum der Zukunft
Was sich im Kontext der digitalen Revolution ebenfalls ändert – ist die Wahrnehmung, das Verständnis und die Identität des eigentlichen Objekts, des Kunstwerks, Bühnenstücks, der Komposition oder Publikation. Diese treten uns plötzlich in vielen Erscheinungsformen und Identitäten entgegen, – als „soziale Objekte“ wie ich das kürzlich gelesen habe.
Das originale Kunstwerk mag im Museum an der Wand hängen, – als „soziales Objekt“ existiert und lebt es auf auf Facebook, Google+, Twitter, Pinterest oder in Blogs, als Fotos auf Flickr, als Video auf YouTube und Vimeo oder QR-Code auf einem Plakat . Im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit, im Zeitalter der Kopie erscheinen die Objekte hundertfach in neuen „sozialen“ Zusammenhängen und Kontextualisierungen. Sie werden eingebettet in eine digitale Großarchitektur, die weder an der Wand hängt, noch im Museumsregister oder Katalog abgebildet werden kann. Das Objekt erfährt eine „Entgrenzung“, das Museum wächst über die digitalen Kontextualisierungen in das Publikum hinein. In ungeahnter Weise erfahren die Objekte eine Bewertung durch die Experten und durch die Folksonomy. Es geht um die Perspektiven eines offenen Dialogs. Und freilich geht es dabei auch um die bekannten Fragen zum Copyright und Urheberrecht.
Die Autonomie des Kunstwerks ist eine längst etablierte Idee, die sich bereits im 18. Jahrhundert formierte und dann auch die Freiheit des Kunstbetrachters forderte: „Was da ist, das ist mein! Hätte er sagen sollen, und ob ich es aus dem Leben oder aus dem Buche genommen, das ist gleich viel, es kam bloß darauf an, dass ich es recht gebrauchte. (…) (er) brauchte eine Szene meines Egmonts und er hatte ein Recht dazu, und weil es mit Verstand geschah, so ist er zu loben“, heisst es bei Goethe.
Marcel Duchamp hat in seiner Rede „The Creative Act“ zu Beginn dieses Jahrhunderts dann einmal formuliert, dass es erst der Betrachter ist, der ein Kunstwerk vollendet. Ohne ihn, seine Gedanken und seine Interpretation fehlt die Hälfte. Und für diese Hälfte, diese Vollendung (die immer subjektiv ist) hat der digitale Raum jede Menge Platz. Die Kultureinrichtungen sollten dieser Vollendung Raum geben, entgegen gehen und mit dieser Vollendung arbeiten.

Die “Museumsmacher”
Der Aufbruch hat aber auch noch eine andere Farbe: die des Aufbrechens von Verkrustungen, Traditionen und – Rollenbildern. Wenn wir das Objekt im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit diskutieren, müssen wir auch über die neuen Rollen der beteiligten Personen sprechen.
Hier verändern sich nicht nur die Wissenschaften und der Wissenschaftler. Ich will  kurz den Blick auf die Personengruppe richten, die ich einfach mal „Museumsmacher“  nenne: Tatsächlich bleibt der Museumsmacher Experte, wie er es immer war. Im digitalen Raum agiert er aber in kollaborativen Netzwerken und Forscherkollektiven. Er publiziert digital und betreibt digitales Wissensmarketing. Neu ist seine Rolle als Informationskurator mit ausgewiesener Medienkomptenez, – neu auch das mutlidimensionale und transmediale Interagieren mit Institutionen und der Audience, dem Publikum. Und ganz wichtig: er evaluiert im Sinne einer Hermeneutik und Qualifizierung den „creative act“, das Engagement der Crowd.

Das Museumspublikum
Abschließend noch ein Blick auf das Publikum in unserem Museum der Zukunft. Das gibt’s einzeln als Individuum und gehäuft in der Crowd. Und das nutzt neue Kulturtechnik für die Begegnung und Interaktion mit der Kultur. Es verlangt neue Muster der Partizipation und Kommunikation. Dabei dilletiert der Besucher ganz bewusst als „Nicht-Experte“, aber mit Leidenschaft und Engagement im Rahmen des „creative acts“ über Objekte und Themen. Er agiert auf der Plattform und über die Themen, die das Museum stellt oder initiiert. Er ist gleichermaßen Rezipient, wie er seine Impulse als Prosument an seine Community weitergibt.
Im Grunde sind das alles keine revolutionären Neuerungen, Systeme oder Verfahren, – analog ist das alles längst Usus, nur die Erweiterung in den digitalen Raum öffnet hier einen virtuellen Anbau der Museen und neue Muster der Begegnung und Interaktion mit und in der Crowd. Spannend wird’s, wenn wir feststellen, dass die Crowd auch mit einer besonderen sozialen Kreativität und Intelligenz agiert, ortsunabhängig, zeitunabhängig, asynchron und im Kontext der eigenen Vernetzung. Hier definieren sich die Aufgabenfelder für das Museum der Zukunft. Diese liegen aber keinesfalls nur bei Marketing und Presse. Es geht um Kreativität. Das Prinzip „open museum“ muss man ganzheitlich sehen.



12 comments

  1. Das war eine wirklich sehr gelungene Tagung mit einem sehr gelungenen stARTcamp im Anschluss. Ich konnte zwar den beiden Veranstaltungen jeweils nur zur Hälfte beiwohnen, aber ich habe den schönen Rahmen, die Atmosphäre und die Beiträge bei der Tagung und in den Sessions genossen. Es war sehr interessant, ich hoffe, dass es im nächsten Jahr auch weiter geht, weil viele Anregungen bei den Diskussionen entstanden sind. Das hat natürlich auch mit dem guten Inhalt der Beiträge und den Interessen der Referenten zu tun, die von Anfang an, einen breiten Austausch ermöglichen. Recht schönen Dank an alle Organisatoren für diese vorwiegend positive Erfahrung (es war mein erster stARTcamp)! :)

    1. Danke für das Lob! Wir nehmen eine ganze Menge Anregungen mit, – und sind doch recht zuversichtlich auch im nächsten Jahre eine vergleichbare Tagung (mit Camp) wieder auf die Beine stellen zu können.

      1. Das wäre sehr schön, weil ich der Überzeugung bin, dass diesen Austausch sehr viele Museen und Kulturinstitutionen brauchen. Es spricht ja auch nichts dagegen, den Dialog digital fortzusetzen, um ihn dann im analogen Raum wieder aufzunehmen. Ich finde diesen Aspekt fast am schönsten: dass die Diskussion eigentlich nicht mehr unterbrochen werden muss, sondern fließend weiter diskutiert werden kann, egal wo man sich gerade aufhält, ob man live beim nächsten camp dabei ist oder nicht oder sich gerade bei der Arbeit im Museum aufhält. Irgendjemand greift irgendwann auf irgendeinem Kanal den Faden wieder auf und führt die Diskussion weiter. Das ist dann sehr spannend zu verfolgen.

  2. Christian,

    This post is an inspiring call for museums to reform themselves holistically in digital culture. Museums must embrace the changing relationships between the institution and the public that are happening because of social media and digital tools. Museums can help the public build new relationships when they share information, inspire expression, create knowledge collaboratively and encourage dialogue. Museums practice compassion by incorporating the public’s participation into the fundamental operations of the institution through social media.

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