Weblogs in den Geisteswissenschaften: über Goldstandards, digitale Gräben und neue Hypothesen

0 12. März 2012 - München, Tagungen und Konferenzen
Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften” am 9.3.2012

Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften” am 9.3.2012

Am 09.03. hatten das Deutsche Historische Institut Paris und das Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München in München zur Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften” geladen. Um die 130 Besucher waren dem Ruf gefolgt. Immerhin 37 twitternde Teilnehmer hatten, mit Hilfe externer Mitleser und -twitterer, einen derart heftigen Informationsstream entfaltet, der den Konferenzhashtag #dhiha4 sogar vorübergehend zum Trending Topic Nummer 1 in Deutschland werden ließ.

Archiv der Tweets

@wilkohardenberg: #dhiha4 Archiv der Tweets via TAGSExplorer: http://t.co/Vrt2jegA.

 

Launch des Blogportals de.hypotheses.org
Anlass für die Konferenz war der nicht zuletzt von Mareike König initiierte Start des deutschsprachigen Blogportals für die Geisteswissenschaften de.hypotheses.org, das hoffentlich dazu beitragen wird, Bloggen in der äußerst konservativen deutschsprachigen Wissenschaftscommunity populärer zu machen:
“während in anderen Ländern und in anderen Disziplinen das Bloggen bereits zum wissenschaftlichen Alltag gehören, führen sie in den deutschsprachigen Geisteswissenschaften derzeit ein Nischendasein. Kritiker verweisen auf das Risiko eines wissenschaftlichen Qualitätsverfalls und betrachten das Blogwesen vorwiegend als Mitteilungsort privater Befindlichkeiten. Doch die Stimmen derjenigen nehmen zu, die das Potential wissenschaftlichen Bloggens für die schnelle Verbreitung und Diskussion aktueller Forschungsinhalte hervorheben. Durch den Blick auf Frankreich, wo Wissenschaftsblogs Dank des Portals hypotheses.org seit einigen Jahren eine rasante Karriere hingelegt haben, die selbst die Vergabe von ISSN durch die Französische Nationalbibliothek einschließt, ist die Idee zu einem deutschsprachigen Blogportal für die Geisteswissenschaften entstanden. In Kooperation mit den französischen Kollegen wurde so das Blogportal de.hypotheses.org aufgebaut”.”

Weblogs in den Wissenschaften (Interview Mareike König auf BR 09.03.12)

Weblogs in den Wissenschaften (Interview Mareike König auf BR 09.03.12)

Die lesenswerten Abstracts der Vorträge sind im Redaktionsblog von de.hypotheses veröffentlicht.

“Goldstandard Monographie” und bloggende Wissenschaftler
Es mag bezeichnend sein, daß für die Beiträge auf dem deutschen Blog de.hypotheses.org eine ISSN nur über den französischen Umweg möglich war und auf der Tagung der Historiker Peter Haber die klassische Monographie  als “Goldstandard” in den Geisteswissenschaten apostrophierte. Die von Haber wohl eher als Diagnose eines Ist-zustands (Krankheitsbild?) intendierte Aussage kontrastierte recht hübsch mit der wohlbekannten, provokanten These Klaus Grafs, dass “ein Wissenschaftler, der nicht blogge, ein schlechter Wissenschaftler sei“: “Wer die methodischen Schritte, die Droysen Heuristik nannte, nicht beherrscht, kann kein guter Historiker sein.  Ein deutscher Mediävist, der nicht mit der MGH umgehen kann, ist kein guter Mediävist. Wer ineffizient nur mit gedruckten Bibliotheksbeständen und umständlichen Fernleihen arbeitet, weil er das Auffinden von Digitalisaten nie richtig gelernt hat, ist sicher kein Vorbild für Studierende. Jeder akademisch Lehrende hat seinen Studentinnen und Studenten immer auch Heuristik beizubringen. Dazu gehört im digitalen Zeitalter essentiell der Umgang mit Internetressourcen und das Wissen um die Möglichkeiten des Web 2.0.  Wie man das Mitmach-Web hinreichend verstehen und seine Chancen, aber auch Gefahren im universitären Unterricht angemessen darstellen soll, ohne selbst mitzumachen, ist mir ein Rätsel. Ein Schwimmlehrer, der nur auf dem Trockenen lehrt, aber selbst nie im Wasser war, wäre eine absurde Vorstellung.  Ein Professor, der sich von oben herab über die Wikipedia äußert, ohne sich mit ihr genügend auseinandergesetzt zu haben, ist dagegen alles andere als ein Außenseiter. Über soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook oder Mendeley werden zunehmend auch wissenschaftliche Neuigkeiten ausgetauscht.  Wer hier nicht am Ball bleibt, gerät ins Hintertreffen. Natürlich kann man als genialer Meistererzähler mit einem kleinen Handapparat veralteter gedruckter Quellenausgaben und ohne Zuhilfenahme einer Schreibmaschine eine großartige historisch-philosophische Darstellung schaffen – aber wie realistisch ist ein solches Wissenschaftlerbild in unserer Gegenwart?”. Zumindest in den Tweets der Veranstaltung wurde Graf’s These weiter diskutiert und abgemildert: “Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist kein Wissenschaftler, sondern allenfalls ein Privatgelehrter“.

Der “digitale Graben” zwischen Traditionalisten und Modernisten
Für mich zeichnet sich zwischen den von Graf und Haber signalisierten Positionen ein (nicht nur digitaler) Graben ab,  – und dieser ist wohl für die deutsche Gesamtsituation bezeichnend. Auf der einen Seite stehen die aktiven, modernen Wissenschaftler (vorwiegend aus den Naturwissenschaften), die Forschung, Publikation und Kommunikation längst in den digitalen Raum ausgedehnt haben und dort erfolgreich agieren. Auf der anderen Seite die (freilich nicht minder aktive) konservative Elite, die in bewahrpädagogischer Duldungsstarre für Kultur und Mechanik des 20.Jahrhunderts (und der vorliegenden Jahrhunderte) plädiert. Immerhin, den Gesang vom “Untergang des Abendlandes” habe ich auf der Tagung nicht gehört, – was aber auch daran liegen mag, dass sich dort eher die Modernisten als die Traditionalisten versammelt haben. Letztlich macht wohl auch der heftige Twitterstrom deutlich, dass sich in München zahlreiche “Heavy User” tummelten, – die, so ist zu hoffen, von den weniger digitalen Kollegen nicht einfach ignoriert werden. Im Grunde sind diese beiden Fronten deutlich greifbar und ich persönlich habe den Eindruck, dass derzeit relativ wenig Bewegung im Spiel ist. Wir brauchen sicher noch viele weitere Initiativen und erfolgreiche Projekte, die die wissenschaftlichen Möglichkeiten, publizistischen Konturen und kommunikativen Ansätze von Blogs, RSS-Feeds, Twitter, Facebook et al. deutlich machen, bis die deutsche Wissenschaft- und Bildungslandschaft nachziehen wird. Das DHI oder das Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung L.I.S.A. geben hier aber leuchtende Vorbilder. Der Wissenschaftler 2.0 wird aber sicher nicht durch nur seine digitale Kompetenz, Tools oder Instrumente, definiert. Er wird es vor allem auch durch seine Persönlichkeit, Haltung, “Vernetzung” und seine Bereitschaft zur Öffnung (und Öffentlichkeit). Die auf der Tagung referierenden erfolgreichen Blogger wie Melissa Terra oder Klaus Graf machten deutlich, dass es eben immer um auch die Persönlichkeit geht. Wissenschaft 2.0 funktioniert nur dann wirklich gut, wenn sie auch “gelebt” wird.

Ich fand diese Tagung sehr anregend und würde mir wünschen, dass nun etwas mehr Bewegung und digitales Bewußtsein in die deutschen Geisteswissenschaften gelangen. Eine Brandfackel ist wohl nicht geflogen, vielleicht darf man diese auch nicht erwarten. Einige Türen wurden aber sicher aufgemacht. Großes Lob an das DHI und die LMU für diese Initiative. Danke!

Weitere Posts und Informationen zur Tagung:

http://redaktionsblog.hypotheses.org/407 (hier wohl auch bald die Videos zu den Vorträgen)

Anton Tantner: Rückblick Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften”, München 9.3.2012. In: Adresscomptoir vom 10. März 2012: http://adresscomptoir.twoday.net/stories/75228723/

Melissa Terra auf Ihrem Blog: http://melissaterras.blogspot.com/2012/03/blogging-in-munich.html

Klaus Graf: http://archiv.twoday.net/stories/75229842/

Wenke Bönisch auf Ihrem Blog digiwis.de: “Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften”: wir stehen erst am Anfang!”

5 KOmmentare

  • Consol 12. März 2012 - 14:55 Reply

    “Doch die Stimmen derjenigen nehmen zu, die das Potential wissenschaftlichen Bloggens für die schnelle Verbreitung und Diskussion aktueller Forschungsinhalte hervorheben.”
    Zum Glück ist das so! Jedoch sind es immer noch viel zu wenige, die tatsächlich mit dem Internet arbeiten. Ich sehe es doch an mir selbst: Lese ich jeden Tag fachspezifische Literatur? nein! Was ich aber sehr wohl tue, ich surfe durch das Internet – und stoße immer wieder auf Blogs, die über neueste Studien und Erkenntnisse berichten. Dann steige ich weiter in die Materie ein. Ohne diese Blogs, wären die neuesten Forschungsergebnisse mit Sicherheit des öfteren an mir vorbeigegangen.
    Traurig aber wahr: 90% dieser Blog sind englischsprachig.
    ich hege aber die Hofnung, dass auch “good old Germany” eines Tages seine Scheu vor dem Web verliert. Erste Schritte sind ja schon getan.

  • Georgios Chatzoudis 12. März 2012 - 17:27 Reply

    Vielen Dank für diesen sehr gelungenen Bericht! Wir haben ihn bei L.I.S.A.Facebook verlinkt – https://www.facebook.com/L.I.S.A.portal.

  • Blogs als neue Forschungskultur? | sicherheitspolitik-blog.de 13. März 2012 - 10:56 Reply

    [...] Die ausführlichste Nachlese bislang liefern Wenke Bönisch auf digiwis und Christian Gries auf iliou melathron [...]

  • Virtuelle Hochschule LMU 15. März 2012 - 2:13 Reply

    Die Vortragsvideos sind jetzt auch auf iTunes U zu finden – http://itunes.apple.com/itunes-u/weblogs-in-den-geisteswissenschaften/id509604244

    Proudly present by LMUcast – https://cast.itunes.uni-muenchen.de/

    Freundliche Grüße, Virtuelle Hochschule LMU

  • Nachlese zur Tagung „Rezensieren – Kommentieren – Bloggen: Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft“ am 31.01./01.02.2013 in München | iliou melathron 14. Februar 2013 - 9:28 Reply

    [...] hat Lilian Landes ihr Resumé der Veranstaltung überschrieben. Tatsächlich hat sich seit der Veranstaltung im vergangenen Jahr doch vieles bewegt, das wohl in die “Mitte” führt, - der digitale Graben bleibt aber [...]

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