“Twittern im Museum” – 5 – Ein Tweetup für ein Halleluja

0 9. Dezember 2011 - Allgemein, München, Museen im Web, Museum 2.0, Tweetup

Nach den Events im  Deutschen Museum (14.09.11), Haus der Kunst (29.09.11),  Stadtmuseum Penzberg (13.10.11) und Residenzmuseum (21.10.11) hatte das Team des “aufbruch. museen und web 2.0” in Cooperation mit Ulrike Schmid zu einem Weihnachts-Tweetup geladen.

Neues Konzept: Twittern aus mehreren Museen und live von einer “Kripperlwanderung”
Diesmal experimentierte die Veranstaltung mit einem neuen Konzept und stellte nicht ein einzelnes Museum, sondern ein Thema in den Fokus. Auf der Spur einer „Weihnachtsgeschichte“ waren die teilnehmenden Twitterer dazu aufgerufen, Ihre Meinungen, Impressionen und Kommentare gleichzeitig aus dem Schwäbischen Krippenmuseum in Mindelheim, der Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseum und einer “Kripperlwanderung” in München zu posten.
Im Resultat entstand ein Nachrichtenstream von knapp 250 Posts, die von fleißigen Mitlesern und Followern im digitalen Raum aufgefangen, kommentiert und weitergegeben wurden. Wie die Wurzen eines Baumes verbreiteten sich die Nachrichten nach einem Schneeballsystem oder der Twitter-Effekt-Formel ins Vielfache. Die teilnehmenden Twitterer haben es zwischenzeitlich gelernt durch die geschickte Platzierung von Hashtags in ihren Nachrichten den Stream auf ein vielfaches zu verbreitern. Auch wenn diesmal ein Großteil der Beiträge wohl Fotos aus den Sammlungen waren, so vermittelt die folgende (aus den Tweets erstellte) Tagcloud sehr schön Inhalte, Themen und Tendenzen des Tweetups:

Tagcloud zum Tweetup #mukomuc

Tagcloud zum Tweetup #mukomuc


Tweetup im Schwäbischen Krippenmuseum Mindelheim

Die schwäbischen Twitterer liefen auf Initiave von Ulrike Schmid unter Führung des Museums- und Kulturamtsleiters Christian Schedler durch das Krippenmuseum und die Sonderausstellung des Schwäbischen Krippenmuseum im ehemaligen Jesuitenkolleg in Mindelheim.

Foto: © Krippenmuseum Mindelheim

Foto: © Krippenmuseum Mindelheim

Anhand von rund 50 Krippen und insgesamt 230 Exponaten, deren ältestes auf das Jahr 1480 datiert ist und deren jüngstes aus dem Jahr 1997 stammt, kann hier die Entwicklung der Krippenkunst nachempfunden werden. Die gezeigten Andachts- und Hinterglasbilder, Gemälde und Grafiken, lebensgroßen Skulpturen aus Mindelheims Kirchen und Kapellen bis hin zu kleinen Figürchen der privaten Andacht zeigen eine beeindruckende Schau der Entwicklung der Bilderwelt um das Leben Jesu Christi im süddeutschen Raum – und dies nicht nur zur Weihnachtszeit.

Bayerisches Nationalmuseum München (Bildquelle: Wikipedia)

Bayerisches Nationalmuseum München (Bildquelle: Wikipedia)

Tweetup im Bayerischen Nationalmuseum München
Ein Teil der Münchner Twitterer traf sich im  Bayerischen Nationalmuseum. Das 1855 von König Maximilan II. gegründete Museum zählt zu den großen kunst- und kulturhistorischen  Museen in Europa und rekrutiert seinen Sammlungsbestand im Kern aus dem Kunstbesitz des Hauses Wittelsbach. Das nach den Entwürfen Gabriel von Seidls in den Stilformen des Historismus errichtete Gebäude mit seinen einzigartigen historischen Interieurs ist einer der originellsten und bedeutendsten Museumsbauten aus der Zeit um 1900. Üblicherweise können sich die Besucher in einem abwechslungsreichen Rundgang abendländische Kunstepochen von der Spätantike bis zum Jugendstil erschließen. Für den Tweetup verzichteten unsere Besucher auf die zahlreichen Meisterwerke der Kunstgeschichte und wanderten zielstrebig in die weitläufigen Kellerräume des Museums zur weltberühmten Krippensammlung. Diese umfasst mehr als 60 illusionistisch aufgebaute Weihnachtsszenen mit einer Vielzahl von Figuren, die zwischen 1700 und 1850 in Neapel, Sizilien und dem Alpenraum entstanden sind. Ein beeindruckendes Erlebnis, das gerade zur Weihnachtszeit sicher einen Besuch wert ist.
Im Kontext des Tweetups entstanden spannende Dialoge zwischen den Twitteren vor Ort und den Mitlesern im “Off”. Da wurde die Akteure in den Katakomben des Museums dann auch gerne mit konkreten Bitten und Aufträgen versehen (“Wie sieht eine Drehkrippe aus?”) oder die ausgehenden Tweets um substanzielle Informationen im Stream erweitert: so wurde ein Tweet mit Foto einer Szenerie der Flucht nach Ägypten “maria geht übers gebirge” mit einer Musikempfehlung gekontert.

Tweetup “Kripperlwanderung in München”:
Der zweite Teil der Twitterer in München wanderte tapfer (gegen Wind, Regen und Eiseskälte) auf den Spuren der Krippenschnitzer in der Münchner Innenstadt und über den berühmten Kripperlmarkt. Die Akteure besuchten Isarkieselkrippe bzw. Großkrippe und liefen weiter über den Dom zu Unserer Lieben Frau (Frauenkirche am Frauenplatz) mit Weihnachtskrippe. Zielpunkt war die Stadtkrippe, die jedes Jahr im Herzen des Neuen Rathauses im Prunkhof aufgestellt wird.

Bayerisches Nationalmuseum: Neapolitanische Krippe mit Vesuvlandschaft, Mitte 18.Jhd

Bayerisches Nationalmuseum: Neapolitanische Krippe mit Vesuvlandschaft, Mitte 18.Jhd. (Foto: @cogries)

Krippen, Krippen, Krippen
Um es gleich zu sagen: die Twitterer haben in jedem Fall eine Menge über Krippen gelernt! Geradezu fachmännisch können sie nun Dreh-, Kasten- oder Rundkrippen unterscheiden und sind über das weite Spektrum an Stall-, Höhlen- oder Tempelkrippen bestens informiert. Spannend ist sicher auch die Kenntnis der zahlreichen Motive aus der christlichen Geschichte, die eine dreidimensionale Bildformung gefunden haben. Von der “Verkündigung Mariens” über den “Bethlehemischen Kindermord”, die “Flucht nach Ägypten” und “Christi Geburt”, “Anbetung durch die Hirten” und “Beschneidung Christi”  bis zur “Kreuzigung” wird die gesamte Geschichte Jesu abgebildet. Zu den berühmtesten Krippen zählen bis heute die “Neapolitanischen Krippen”, deren charakterstarke Köpfe an die Masken der italienischen Commedia dell’arte (oder, wie einer der Twitterer im Münchner Kontext bemerkte, an Karl Valentin) erinnern.

Bayerisches Nationalmuseum: Krippensammlung (Foto: @ultimatekunix)

Bayerisches Nationalmuseum: Krippensammlung (Foto: @ultimatekunix)

Tatsächlich wird die Szene der Geburt Christi besonders in den italienischen Krippen gerne in äußerst aufwendige und detailreiche Straßen- und Marktszenen eingebettet, so dass die Darstellung der Geburt oft nur noch Nebensache scheint. Eines jedenfalls wurde in München und Mindelheim gleichermaßen deutlich: die Krippensammlungen versetzen den Besucher in eine mittelalterliche Frömmigkeit und die Bildwelt des Barock, – und sie begeistern ob Ihrer Kunstfertigkeit, Detailreichtums und Lebendigkeit die Betrachter gleich welchen Alters oder Glaubens.

Was bringt ein solcher Twitterschub einem Thema, einer Institution?
Ein Tweetup gibt den (meistens auch analogen) Fans und Besuchern ein (zu Teilen auch ortsunabhängiges) Werkzeug und Medienformat in die Hand, um die eigene Auseinandersetzung oder Begeisterung für ein Thema bzw. einen Ort deutlich zu machen. Zugleich verschafft sie diesen Fans Gelegenheit zu gegenseitigem Austausch, Inspiration und Kennenlernen. Die ständig wachsende Beteiligung externer Mitleser und Akteure an den Tweetups macht deutlich, daß hier Distanz und Ortsbezug nicht zwangsläufig eine Rolle spielen und gerade das Interagieren aus dem Off als “aktive Teilnahme” bewertet wird. Für die Institutionen dürften aber auch die jüngst laufenden Diskussion um die mediendidaktischen und -pädagogischen Einsatzmöglichkeiten von Twitter bei Daniel Bernsen und Jan Hodel interessant sein.
Die veranstaltende Institution zeigt sich mit einem Tweetup offen gegenüber neuen Formen der Informationsvermittlung und Kommunikation. Sie beweist sich in der Wertigkeit von Transparenz sowie Authentizität und gibt ein Bild Ihrer Bereitschaft zu Dialog und Partizipation. Schließlich bietet der Tweetup auch die Möglichkeit, die Menschen in und “hinter” einer Institution kennen zu lernen. Jeder Tweetup, den wir veranstaltet haben, war immer auch ein fröhliches Spektakel, das primär von der gemeinsamen Begeisterung für ein Thema und sekundär von einer neuen Technik getragen war. Wir haben Kontakt mit Museumsmitarbeitern bekommen und wurden exklusiv auf Routen geführt, die dem “normalen” Publikum verschlossen sind. Wir wollen den Tweetup sicher nicht überbewerten, aber eine Empfehlung zur Übernahme in das eigene Handlungsportfolio können wir sicher aussprechen.

Correlation of Social Media-Based Factors (Quelle: http://www.seomoz.org)

Correlation of Social Media-Based Factors (Quelle: http://www.seomoz.org)

Kommunikationstechnisch bedeutet der Tweetup die schubartige Präsenz eines Themas in der Timeline von Twitter bei allen Akteuren, Mitlesern und Followern. Das beginnt mit der Ankündigung des Events und bricht mit dem kommunizierten Ende eines Events auch jäh ab. Die Platzierung der zahlreichen Posts bei Twitter hat Einfluß auf Bewertung und Ranking in den Suchmaschinen. Twitter wird zur Berechnung der normalen Google- und Bing-Suche benutzt und Social Media Signale wie Likes, Shares, Tweets & Retweets haben einen immer größeren Einfluß auf das organische Ranking innerhalb von Suchmaschinen. Insbesondere ein im Tweet geposteter Link (auf die eigene Website) dürfte hier in seiner Wertigkeit von besonderer Bedeutung sein. Somit können wir sicher auch SEO-technisch eine Empfehlung für den Tweetup aussprechen.

9 KOmmentare

  • Twittern im Museum : iliou melathron 9. Dezember 2011 - 18:16 Reply

    [...] Update: Nachlese zum ersten Tweetup im Deutschen Museum am 14.09.11 Nachlese zum zweiten Tweetup im Haus der Kunst, München, am 30.09.11 Nachlese zum dritten Tweetup im Stadtmuseum Penzberg am 13.10.11 Nachlese zum vierten Tweetup im Residenzmuseum München am 21.10.11 Nachlese zum fünften Tweetup im Bayerischen Nationalmuseum und Schwäbischen Krippenmuseum Mindelhe… [...]

  • Hie-suk Yang 9. Dezember 2011 - 19:57 Reply

    Danke für diese fundierte Zusammenfassung. Vor allem die Reflexion des Nutzens für ein Museum wird facettenreich und ausgewogen beleuchtet. Der Hinweis auf die didaktische Twitternutzung war ebenso ein interessanter Exkurs. Bestens!

  • B. Schmidt-Hurtienne | Kulturwirtschaftswege 9. Dezember 2011 - 20:30 Reply

    Der Weihnachts-Tweetup war wirklich ein ganz tolles Event, bei dem ich gerne dabei war! Wenn auch dieses Mal nur vom »followenden« Ende. Durch das Themenkonzept konnten wir Externen an so vielen Orten gleichzeitig »dabei sein«, das war schon toll. Ich fand es immer besonders schön, wenn es außer den reichhaltigen Informationen auch mal was zu gucken gab. Dankenswerterweise hast du ja sogar Fotoaufträge entgegengenommen und erfüllt. So weiß ich jetzt auch, wie eine Drehkrippe aussieht. Zum Glück konnte ich mich gleich mit meiner »Musikempfehlung« revanchieren ;-) Diese Twitter-Führung hat bei mir jedenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlassen und den Wunsch, mir die Prachtstücke beim nächsten Bayernbesuch auch mal aus der Nähe anzuschauen. Vielen Dank, dass ihr euch so ins Zeug gelegt und uns dieses wunderbare vorweihnachtliche Erlebnis beschert habt.

  • ReBlog: „Und wie war das Social Media Jahr 2011? – Ein Rückblick“ « Museen und das Web 2.0 7. Januar 2012 - 14:18 Reply

    [...] in den Netzwerken vor Ort bloggen, posten und tweeten. Besonders im süddeutschen Raum hat sich die Reihe „Twittern im Museum“ etabliert und schon vermehrt an verschiedenen Standorten …. Wir meinen: Die Verbindung des Internets mit der realen Welt wird weiter zunehmen und durch solche [...]

  • “München leuchtet” – Nachlese zur Tagung “aufbruch. museen und web 2.0″ und stARTcamp : iliou melathron 30. April 2012 - 15:13 Reply

    [...] Stadttheaters Bern (vgl. dazu den Blogpost von Caspar Loesche in der Blogparade) und die Münchner bzw. Frankfurter Tweetups, den Microbloggingdienst mit der erstaunlichen Reichweite in die [...]

  • Echtzeit: Weniger Twitter, mehr Livestreams! | Axel Kopp 9. Mai 2012 - 12:16 Reply

    [...] Mittelpunkt. Für alle, die an der Kunst interessiert sind, bieten demnach „Live Events“ wie „Twittern im Museum“ keinen [...]

  • Tweetups im Jahr 2011 : Kulturkonsorten 1. Juni 2012 - 8:43 Reply

    [...] Weihnachts-Tweetup im Bayerischen Nationalmuseum München und dem Schwäbischen Krippenmuseum in Min… (07.11.11) Gleichzeitiger Themen-Tweetup („Krippen“) in mehreren, geographisch auseinander [...]

  • “Rot ist Leben” – Tweetup im Archiv Geiger, München am 17.09.12 | iliou melathron 8. August 2012 - 16:18 Reply

    [...] setzen die Münchner Twitterer (jetzt unter Namen und Fahne der “Kulturkonsorten“) ihre digitalen Initiativen fort und kündigen den nächsten Tweetup für den 17.09. im Archiv Geiger an. Das Archiv widmet [...]

  • “Hochkultur digital erfahren” – Tweetups in Museen. Ein Blick auf Deutschland. | iliou melathron 14. November 2012 - 16:02 Reply

    [...] Netzwerker eine ganze Reihe von Veranstaltungen im Haus der Kunst (mehrfach), Residenzmuseum, Bayerischen Nationalmuseum, Jüdischen Museum, Archiv Geiger und Stadtmuseum Penzberg durchgeführt. Dabei wurde auch mit [...]

  • Kommentieren