Unbegrenzte Möglichkeiten – Nachlese zu stART Konferenz 2011

21. November 2011

So, das war sie nun also, die stART 2011 in Duisburg. Zwei Tage gepackt mit Vorträgen, Gesprächen und Informationen. Mein Eindruck: die Konferenz bleibt einzigartig, voller Impulse und lohnt jeden Tag. Gegenüber den Vorjahren hat sie sich (nicht nur in Organisationsform, Location und Struktur) verändert, sondern sehr dynamisch auf den StatusQuo einer wachsenden Socialmedialandschaft in der deutschen Kultur reagiert. Vor allem die Höhen dieser 2.0-Topografie versucht die Konferenz zu kartographieren und in einem crossmedia-Atlas zu fixieren. Dieses Jahr stellte das Thema “Storytelling” die Devise und formierte unter der Überschrift “Die Kunst des digitalen Erzählens” einen bunten Reigen an Veranstaltungen und Angeboten im Themenfeld Social-Media, Storytelling, Augmented Reality, ARG, Gaming, Kultur- und Wissensvermittlung und mobiles Internet.

Auch wenn es mir wieder einmal nicht gelungen ist, alle gewünschten Präsentationen zu besuchen, weil das “Multiversum” der stART eben auch die Gleichzeitigkeit verschiedener Vorträge in Kauf nehmen muß, so habe auf meiner Agenda doch einige Highlights markiert:

Jack the Twitter

Jack the Twitter

“Jack the Twitter”
Neben den immerklugen Statements der beiden Initiatoren der Konferenz, Frank Tentler und Christian Henner-Fehr, zeigte sich der gleich zu Beginn der Veranstaltung der Head of Social Media bei Booming in München, Marcus Brown, als Keynote-Sprecher mit faszinierend gewobenen Geschichten um erfundene Charaktere wie “Jack the Twitter“. Aus der Perspektive eines selbsternannten Prometheus haucht er virtuellen Figuren Leben ein und lässt sie über den digitalen Kosmos auf die ganz und gar reale Welt prallen. Mit wunderbarer Anarchie und Leichtigkeit machte er deutlich, dass wir im digitalen Kontext ein neues Verständnis für Geschichten und deren Charaktere brauchen: “Digitale Geschichten leben in der ewigen Mitte und haben keinen Anfang und kein Ende”. Seine Figuren leben und atmen und filmen und chatten und schreiben und posten. Sie interagieren auf den verschiedenen Ebenen kollektiven Seins und bereichern als “Heroes of Streamtelling” den kulturellen Kosmos um spannende und unterhaltsame Komponenten.

Ohne Rücksicht auf Konventionen: das Europäische Musikfestival PODIUM
Ebenfalls in den ersten Konferenztag datiert die “wahre Geschichte” von Kaatharina Ess über das “webbasierte Community-Festival” PODIUM in Esslingen:

PODIUM Europäisches Musikfestival in Esslingen

In ihrem Vortrag machte die souverän agierende Social-Media-Managerin deutlich, wie das Musikfestival für interne wie externe Organisation, Kommunikation, Marketing und Markeninszenierung ein faszinierend umfangreiches Instrumentarium an sozialen Diensten, Tools und Plattformen bespielt. Innerhalb weniger Jahre hat sich PODIUM zu einem internationalen Erfolgsmodell (mit Franchise-Ambitionen) entwickelt, dessen rasante Entwicklung ohne das Internet nicht denkbar wäre. Der Einsatz von Social Media geschieht bei PODIUM mit einer solch erfrischenden Selbstverständlichkeit, Schnelligkeit und Experimentierlust, daß traditionelle Organisations- und Vermittlungskonzepte sogar in Frage gestellt werden. Ohne Rücksicht auf tradierte Konventionen schaffen junge Menschen hier das Klassikfestival des 21. Jahrhunderts. Prototypisch führte Ess vor Augen, wie ohne große Budgets und feste Mitarbeiterstrukturen, dafür aber mit neuen Denkweisen und einem konsequenten Community-Ansatz auf hohem künstlerischen und kommunkativen Niveau eine wertvolle und weitreichende Kulturmarke entsteht. PODIUM präsentiert nicht nur Musik auf hohem Niveau, sondern auch Kommunikation und Verständnis für den digitalen Raum: “frei, vielfältig und wegweisend”.

vm-people: Max Landorff,  "Der Regler" (Thriller)

vm-people: Max Landorff, "Der Regler" (Thriller)

“the future is here, it’s just unevenly distributed”
Mit großem Vergnügen habe ich am zweiten Konferenztag der Präsentation von Amos (Alexander Maximilian Otto Serrano) gelauscht und mich, mit einer Empfehlung an William Fod Gibsons “the future is here, it’s just unevenly distributed”,  in die Welt der “ARG” (Alternate Reality Games) einführen lassen. Die vorgestellten Beispiele aus der Verlagswelt führten aufwendige Konzepte und Umsetzungen von Geschichten im transmedialen Rahmen vor Augen und machten deutlich, wie sich reales Umfeld und virtueller Raum (der z.B. aus der Story eines Buches abgeleitet werden kann) dramaturgisch verschalten und crossmedial bespielen lassen. Im Unterschied zu Brown forderte Amos für die von ihm vorgetragenen Inszenierungen Anfang, Mitte und Ende und apostrophierte “existentielles Besserwissen” als “Triebfeder des Internet”.

farfromhomepage – farfromcopyright
Mit dem noch in der Betaphase laufenden Projekt “farfromhomepage” stellten Janosch Asen und Manuel Scheidegger dann eine Plattform vor, auf der User über eine individuelle Timeline beliebige Web-Inhalte zusammenstellen, inszenieren und teilen konnten. Die beiden zeigten aus kulturhistorischer und -philosophischer Perspektive, wie das Netz von Beginn an als Telekommunikationsmedium in den Händen von Technikern lag und den Ästhetikern zunehmends aus den Augen geriet. Immanuel Kant folgend forderten Asen und Scheidegger eine (neue, womöglich “erste”) Ästhetik des Internets ein und progierten mit dem “Schnitt- und Linkprogramm” farfromhomepage ein Tool für’s ein “creative browsing”:

Mir hat das Konzept gut gefallen, – aber die Herausforderung scheint mir eher rechtlicher als technischer Natur zu sein. So wird es mit Spannung zu erwarten sein, wie die (vor allem deutsche) Rechtslandschaft auf die Fragen zu Copyright und Urheberrecht mit dem Projekt umgehen wird. Die beiden Macher sehen das positiv und zuversichtlich. Ich würde es ihnen und dem schönen Projekt wünschen.

Museum 2.0

Digitale Geschichtenerzähler von Museen in der Zusammenstellung durch Sebastian Hartmann

Digitale Geschichtenerzähler von Museen in der Zusammenstellung durch Sebastian Hartmann

Auch wenn Frank Tentler mit dem ASISI-Projekt und Sebastian Hartmann in seinem Vortrag das Prinzip “Content is King & you are what you share” wesentliche 2.0-Themen aus der deutschen Museumslandschaft beleuchteten, so hätte ich mir noch mehr konstruktive Kritik am bestehenden Verständnis und den Einsatzbereichen von Socialmedia in den Museen gewünscht. Sicher sind Pioniere, Highlights (immer schön nachzulesen auch in der Facebook-Gruppe “Museums Web2.0er” oder im Wiki von Publicplan) und Aktionen (wie z.B. die “twitternden Kunstwerke“) aus dem Museumsfeld mittlerweile klar zu definieren, aber die von Christian Henner-Fehr auf der Konferenz referierte These, dass das “Verständnis für den digitalen Raum tatsächlich bei den Institutionen “angekommen” ist”, möchte ich in ihrer allgemeinen Gültigkeit doch in Frage stellen. Wir sind wohl eher, wie er kommentierte, “am Ende der Hierarchien angelangt”, und ich gebe ihm auch Recht, daß “spartenübergreifende Netzwerke an ihre Stelle treten werden”.

Meines Erachtens haben Themen wie “Social Media“, “Digital Culture und Humanities“, “Creative Commons” oder “Open Access” maximal die Außenhülle vieler deutscher Kultureinrichtungen erreicht. Zu deutlich ist mir da zum einen die Verhaftung weiter Teile des Themas in den Bereichen Marketing und Kommunikation, – und zu undeutlich auf der anderen Seite ein Verständnis für die tatsächlichen Möglichkeiten, Pflichten und Aufgaben von Kultur (und Kulturwissenschaft) und Berufen im digitalen Raum. So kommen auf Konferenzen immer wieder (und gerne als erstes) die Fragen nach dem “Return on Investment” für das soziale Engagement und “wie man denn nun über das Posting auch den Besucher von der Plattform ins Museum bringt”. Flankiere ich solche Ansätze mit Positionspapieren wie z.B. dem des Deutschen Museumsbundes zur Sichtbarmachung kulturellen Erbes im Internet, frage ich mich, was für ein Verständnis da wo angekommen ist? Einen Strukturwandel oder eine Renaissance der öffentlichen Kultur sehe ich noch nicht.

https://twitter.com/#!/ericdmj

https://twitter.com/#!/ericdmj

Der digitale Raum ist eine Schule der Begegnung und eben nicht nur eine Plakatwand, neue Website oder Umfärbung des Pressekanals. Er markiert mindestens einen Erweiterungsbau des Museums, wenn nicht sogar der Gesellschaft. Die Museen sind längst Mitglieder einer grossen sozialen Gemeinschaft (Community) und dürfen sich deren Konturen nicht verweigern.  Wir haben doch alle von Bloch gelernt und wollen die “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen” keinesfalls wieder zum Kennzeichen einer neuen Moderne werden lassen. Museen, die ihre Geschichte nicht mehr erzählen wollen (oder können), werden irgendwann auch keine Fans mehr haben: “no story – no fans” war dann auch der Titel einer spannenden Literaturempfehlung der stART 2011 von Christian Henner-Fehr.

Weitere Berichte zur stART:

Kostenloses eBook zur stART: “Transmediales Erzählen



2 comments

  1. Danke für diese lesenswerte Zusammenfassung der stART11. Ich glaube auch, dass die Kultureinrichtungen das Potenzial noch nicht voll ausschöpfen. Auf der anderen Seite ist das auch noch nicht möglich, denn dazu bedarf es einer anderen Organisationskultur, anderer Strukturen und Werte.

    Deshalb möchte ich das auch gar nicht kritisieren, sondern eher darauf hinweisen, dass hier Entwicklungsschritte bevorstehen, die den Umgang mit Social Media “automatisch” erleichtern.

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