Vom Ausstellungsmacher zum Informationskurator

5. September 2011

Früher war die Frage nach dem Berufsbild des Kurators leicht zu beantworten: “Ausstellungsmacher”.

Harald Szeemann (Bildquelle: http://documentaforum.de/)

Harald Szeemann (Bildquelle: http://documentaforum.de/)

Mit einem Blick auf die Leitsterne dieser Tätigkeit begann man dann gerne einen ausführlichen Bericht über den Schweizer Harald Szeemann (1933-2005) und seine Pionierarbeit für die documenta 5 (1972) und landete irgendwann bei Hans-Ulrich Obrist, den die ZEIT dann auch jüngst zum mächtigsten Mann des internationalen Kunstbetriebs erklärte.
Tatsächlich scheint der Kurator heute ein Trendberuf zu sein, – mit diffusen Konturen und inflationärer Verbreitung. Spannend ist aber auch eine Definition, wie sie der Mexikaner Cuauhtémoc Medina gibt: “Der Kurator sei eine Art Frankenstein‘sches Monster, ein zusammengeflicktes Konglomerat verschiedener Berufe, für die er in den meisten Fällen keinerlei professionelle Ausbildung besitzt: Kunstkritiker, Fundraiser, Kenner, Künstler, Händler, Kulturpolitiker, Museumsgestalter, Archivar, Impresario, Historiker, Aktivist, Theoretiker, Fan, Sekretär und Sparringspartner. Insofern sei der Kurator in seiner heutigen vielgestaltigen Ausprägung ein typisches Produkt der Postmoderne, eine multiple Persönlichkeit ohne stabile Identität, beispielhaft für die „Entprofessionalisierung“, für das Gegenteil des akademisch Erlernbaren.”

Ergänzen möchte man diese Beschreibung eines modernen Kurators um das Aufgabenspektrum des digitalen Storytellers,  wie es zum Beispiel Frank Tentler oder Christian Riedel zu Beginn des Jahres 2011 ausführlich beschrieben haben. Gute Kuratoren und Ausstellungsmacher haben schon immer auch Geschichten erzählt, – in Ihren Konzeptionen, Ausstellungen und Publikationen. Nun steht Ihnen mit dem digitalen Raum auch eine “neue” Ausstellungsfläche oder Bühne zur Verfügung, die klug und umfassend genutzt werden möchte, – ja sogar bespielt werden muß. Keiner kann es sich leisten, zumal wenn öffentlich finanziert, einen ganz erheblichen Teil der (neuen) Öffentlichkeit einfach zu ignorieren. Dabei geht es aber nicht nur um einen “beschleunigten Medienwandel” im Kontext von Aktualität, Multimedialität, Interaktivität, Vernetzung und Diskursivität.  Entscheident scheint mir, dass sich nicht nur die Instrumente gewandelt haben, – auch das Publikum vollzieht immer deutlicher einen Stellungswechsel und Strukturwandel.

"Digital Natives" im Museum

"Digital Natives" im Museum

Je stärker die sog. “digital natives” in die Reihen der Kulturflaneure hineinwachsen (dazu ein schöner Artikel im Handelsblatt vom 04.09.11), umso deutlicher werden sie (nicht nur dort) ihre Ansprüche und Rechte formulieren. Die Dokumentation und Bereitstellung von Inhalten im digitalen Raum bedeutet aber nicht nur eine Referenz an das Publikum und das “kollektive Gedächtnis”, – sie öffnet das Kulturgut auch für Entdeckung und Dialog jenseits einer ausgewiesenen Expertenkultur. Die Verfahren sind also komplexer und, im Blick auf den schnellen Wandel der Instrumente, Visualisierungen und der Kontextualisierungsmöglichkeiten, auch anspruchsvoller geworden.

Der Informationskurator
Nun haben wir, auch in den deutschen Kunstwissenschaften und Kultureinrichtungen, unfassbar langsam aber eben doch auch ansatzeise einen Punkt erreicht, wo der Einsatz digitaler Instrumente neue Wege geht (vgl. Veranstaltungen wie  “Networked Humanities: Art History in the Web” (und die Publikation der Beiträge im “Open Peer Reviewed Joural“), die Mai-Tagung 2011, stART-Conference oder den bayerischen Aufbruch).

Cranach.net ist die Forschungsdatenbank des cranach research institute (cri)

Cranach.net ist die Forschungsdatenbank des cranach research institute (cri)

Jüngst war es der Kunsthistoriker Michael Hofbauer, der sich in seiner Funktion als Initiator des “Cranach Research Institute” über die Chancen im digitalen Raum äusserte und die Zukunft der Cranach-Froschung am Beispiel seiner interdisziplinären Forschungsdatenbank erläuterte: “(…) Irgendwann wird alles digital drin sein (…). Es wird in Zukunft möglich sein, ganz andere Ansätze zu erarbeiten (…).”

Auch wenn es noch immer an Experimentierfreunde fehlt und wir feststellen müssen, dass in Deutschland (im Unterschied zu England und Frankreich) nur wenige Wissenschaftler den digitalen Diskurs suchen, so wachsen doch zunehmend mehr Inhalte in den digitalen Raum hinein. In Zukunft dürfte es zum festen Aufgabenfeld eines Kurators (ob aus der Position eines Wissenschaftlers oder Ausstellungmachers) gehören, diese Informationen dort auch zu kontextualisieren (egal ob er das dann selbst macht oder delegiert). Dabei dürfte es sicher nicht ausreichen, eine schöne Bildersammlung einfach digital auf einer Social-Media-Plattform zu publizieren, – es geht auch darum, sich selbst, die eigene Position und Leistung oder den entsprechenden Content nach Außen zu kommunizieren und zu vernetzen, – die Informationen zu kuratierten. Es geht also in jedem Fall um Medienkompetenz, die sich unsere Wissenschaftler und Kuratoren aneignen müssen.

State Library of New South Wales auf Flickr: First Australasian Antarctic Expedition (1911-1914)

State Library of New South Wales auf Flickr: First Australasian Antarctic Expedition (1911-1914)

Die US-amerikanische Journalistin Maria Popva hat dazu einen schönen Artikel im Nieman Journalism Lab publiziert: “(…) Information curators are that necessary cross-pollinator between accessibility and access, between availability and actionability, guiding people to smart, interesting, culturally relevant content that “rots away” in some digital archive, just like its analog versions used to in basement of some library or museum or university. Because here’s the thing: Knowledge is not a lean-back process; it’s a lean-forward activity. Just because public domain content is online and indexed, doesn’t mean that those outside the small self-selected group of scholars already interested in it will ever discover it and engage in it.(…) It is information curators who push us to lean forward by guiding our curiosity towards the kinds of content we would’ve never ordinarily found but are infinitely glad we did (…)”.

State Library of New South Wales auf Flickr: First Australasian Antarctic Expedition (1911-1914)

State Library of New South Wales auf Flickr: First Australasian Antarctic Expedition (1911-1914)

Als Beispiel führt sie etwa eine Bildersammlung auf Flickr über eine frühe Antarktisexpedition im Jahr 1911-1914 an, die zwar 2009 von der State Library of New South Wales (Australien) auf Flickr publiziert worden war, dort aber im Unbekannten verschollen blieb. Erst ein von ihr veröffentlichter Artikel brachte dem Bilderalbum innerhalb weniger Wochen die gewünschte Aufmerksamkeit.

Maria Popova unterscheidet bei Ihrem Ansatz  “digital archivists” undcontent curators” durch ein unterschiedliches Aufgabenfeld: “(…) What all of this means in terms of the three barriers of access is that digital archivists solve the barrier of accessibility, by making content previously tucked away in analog archives available to the world wide web, and content curators solve the barrier of awareness, by bringing to our (limited) attention noteworthy pieces of information from these digitized archives and, ideally, contextualizing them within our existing framework of knowledge and interests. But digital archivists and content curators won’t solve all of our informational problems. Surely, we can outsource digitization and accessibility, and we can even outsource curation, but we cannot outsource curiosity, the highest form of motivation. And since curiosity is the gateway to access, we can’t outsource access, even in the context of the greatest possible accessibility.
What great curators do is reverse-engineer this dynamic, framing cultural importance first to magnify our motivation to engage with information. Someone who simply shares a link to a beautiful illuminated manuscript from the 13th century might grab your ephemeral attention for a fleeting moment of visual delight, but someone who shares that manuscript in the context of how it relates to today’s ideals and challenges of publishing, to our shared understanding of creative labor and the changing value systems of authorship, will help integrate this archival item with your existing knowledge and interests, bridging your curiosity with your motivations to truly engage with the content. Because in a culture where abundance has replaced scarcity as our era’s greatest information problem, without these human sensemakers and curiosity sherpas, even the most abundant and accessible information can remain tragically “rare” (…)”.



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