Vom Reproduktionsmedium zur Online-Strategie: die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

5. August 2011

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden verabschieden sich nach vier Jahren aus dem Experiment “Second Life”, –  und stellen gleichzeitig die neue Online Collection vor.

Abschied von Second Life
„Die Entscheidung war einige Zeit sinnvoll, nun machen wir etwas Eigenes”, sagte der Kaufmännische Direktor Dirk Burghardt auf einer Pressekonferenz am 5.8.2011. Als Grund für den Schlußvorhang nannte er das nachlassende Interesse an der Dresden Gallery bei „Second Life”.
Am 30. Mai 2007 hatte die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine Dependance bei „Second Life” eröffnet.  Andreas Henning, Konservator für Italienische Malerei an der Gemäldegalerie Alte Meister, hatte das Projekt initiiert und wurde vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden wissenschaftlich begleitet: „Dem Experiment liegt die Arbeitshypothese zugrunde, dass sich über das neue dreidimensionale Web erstmals zwei Schlüsselerlebnisse eines Museumsbesuchs transportieren lassen: Raum und Interaktion.“ Das Erlebnis des Raums ist existentiell mit der Kunsterfahrung im Museum verbunden. Das Betrachten eines Kunstwerks aus der Ferne, die schrittweise Annäherung, dann das Fokussieren von Details und schließlich der vergleichende Blick auf andere Kunstwerke im Raum, all diese Bewegungen prägen die Rezeptions­haltung eines Besuchers im Museum. Hinzu kommt als zweites Kernerlebnis die soziale Komponente. Ob explizit oder auch nur stillschweigend, immer steht der Rezipient in Interaktion mit anderen Besuchern und erlebt den Gang durch ein Museum auch als soziales Ereignis.
Dreidimensional und maßstabsgetreu waren die prächtigen Räume des Museums im virtuellen “Zwinger” nachgebaut worden und 750 Meisterwerke zu besuchen.  Die gesamte Gemälde­galerie Alte Meister war zu sehen: Foyer, Treppenhäuser, alle 54 Säle und Kabinette, sämtliche Gemälde, Pastelle und Gobelins. In Echtzeit konnte man durch die Sammlung laufen, mit den anderen Besuchern kommunizieren, Informationen zu den Kunstwerken abrufen oder an Veranstaltungen der Kunstvermittlung teilnehmen, Eindrücke im Gästebuch notieren oder sich im Shop umsehen. Im ersten Jahr waren es über 40.000 Besucher, die das virtuelle Museum auf der 300.000 qm großen Insel „Dresden Gallery“ besuchten. Eigens wurde für das Projekt auch eine Homepage geschaltet: www.dresdengallery.com.

Die Dresdener Gemäldegalerie war eines der ersten Museen von internationalem Format, das auf die neuen Herausforderungen des Webs reagierte. Der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Martin Roth lud damals ausdrücklich zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser Pioniertat ein: „Zu Beginn des großen Kunstsommers in diesem Jahr, an dem sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit einer Vielzahl von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst beteiligen, werden durch den virtuellen Auftritt der Gemäldegalerie Alte Meister zentrale Fragen des Selbstverständnisses eines Museums im 21. Jahrhundert zur Diskussion gestellt. Die Reaktionen der Second Life – Mitglieder wie auch allgemein unseres Publikums und der interessierten Öffentlichkeit sind uns wichtig, eine gegebenenfalls auch kontroverse Debatte über den Einstieg der Gemälde­galerie Alte Meister in die Welt des Second Life durchaus erwünscht”.
Raum und Interaktion, zwei grundlegende Schlüsselerlebnisse eines Museumsbesuchs, werden über den Auftritt der Gemäldegalerie in Second Life suggeriert. Und natürlich versäumte man nicht, der zuweilen hysterisch vorgetragenen Paradephobie, daß der virtuelle Besuch den realen ersetzen könnte, ausreichend Argumente entgegen zu stellen: “die virtuelle Gemäldegalerie Alte Meister soll neugierig machen auf den Museumsbesuch im Real Life. Die Kritik an sämtlichen Reproduktionstechniken, die im Laufe der Jahrhunderte auf den Markt kamen, hat immer wieder gezeigt, dass mediale Auftritte nur Andeutungen sein können und auch nur Andeutungen sein dürfen. So kann die virtuelle Dependance auch nicht die zentrale Schlüsselfähigkeit eines Museumsbesuchs ersetzen, die sinnliche Wahrnehmung vor dem Original. Explizit werden deshalb die virtuellen Besucher beim Eintrag ins Gästebuch gefragt, wie sie die Differenz in der Wahrnehmung eines Kunstwerks im wirklichen Leben und in Second Life beurteilen”. Zur Sicherheit und kulturhistorischen Fundierung verwies man auch noch auf die enge Verknüpfung der Museen mit der Historie der Reproduktionsmedien, insbesondere auf das 1753 erschienene „Königliche Galeriewerk“. Kurz nachdem August III., der sächsische Kurfürst und König von Polen, die Gemäldegalerie in Dresden eröffnet hatte, präsentierte er im Galeriewerk in Form großer Kupferstiche die Schätze der Sammlung. In den folgenden Jahrhunderten übernahmen immer wieder neue Medien, von der Fotografie bis zur CD-ROM, die Aufgaben dieser Dokumentation. Roth hielt es daher für folgerichtig, sich dem aktuellen Entwicklungsschritt der Reproduktionsmedien zu stellen: „Es liegt in der Logik der musealen Mediengeschichte, jetzt das Experiment mit den neuen Möglichkeiten des Web 2.0 zu wagen: Virtuell ein dreidimen­sional erfahrbares Museum einer weltweiten Community in Echtzeit zugänglich zu machen“. Niemals zuvor in der Geschichte der Reproduktionsmedien konnte, so aus Dresden zu lesen, der Gegensatz zwischen der leibhaftigen Kunstbetrachtung im Museum und ihrer bloß medialen Vermittlung in eine größere Opposition gebracht werden. Roth: „Die reale Gemäldegalerie Alte Meister und ihr virtueller Klon bilden extreme Polaritäten: In diesem Spannungsfeld soll das neue Kommunikations­experiment der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden stattfinden.“

Vom Reproduktionsmedium zur Online Collection
Der Schritt vom Repdroduktionsmedium zur Online Collection ist zeitgemäß und wohl auch gut durchdacht. Er fällt mit dem Abschied Roths aus Dresden zusammen, markiert aber, was wichtiger ist, einen neuen Stand in der Kommunikation musealer Konturen im digitalen Kontext. Wenn, wie Roth beim Start des Experiments “Social Life” formulierte, “Raum” und “Interaktion” zwei grundlegende Schlüsselerlebnisse eines Museumsbesuchs markieren, so ist die Frage nach Auftritt, Beitrag und Wirksamkeit der Museen im kulturellen Raum des Netzes heute noch dringender zu stellen. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind mit Website, Facebook (aktuell: 841 Fans), Twitter (aktuell: 1.270 Follower), YouTube (aktuell: 63 Abonnenten, 8.029 Kanal-Aufrufe, 27.536 Upload-Aufrufe) und nun auch der Online-Collection ganz gut dabei und scheinen nach einer fundierten Online-Strategie zu arbeiten. Dieses Konzept  ist, so scheint es zumindest beim Start der Website, dialogisch konzipiert und setzt auf Vernetzung zu den flankierenden Web 2.0 Kanälen wie Facebook und Twitter. Einen echten Dialog mit dem Publikum führt man zumindest auf Website und Collection noch nicht. Die User können zwar empfehlen, aber nicht kommentieren. Es bleibt sicher zu beobachten, wie sich diese Kontur entwickelt. Schade scheint mir, dass man in Dresden auf das “Social Tagging” verzichtet hat, welches im Angesicht der enormen Fülle der in der Datenbank gehaltenen Objekte doch einige spannende Kontextualisierungen ermöglicht hätte (Bsp.: ARTigo oder Brooklyn Museum).

Objektdokumentation für Wissenschaftler und Laien
Die Online Collection, so die Dresdner Pressemeldung, richtet sich sowohl an Wissenschaftler als auch an interessierte Laien und liefert eine Vielzahl an Informationen zum Künstler, Entstehungsjahr und Provenienz eines Werkes. Ermöglicht werden soll den Besuchern die Forschung und die Möglichkeit, eigene Rundgänge durch die staatlichen Museen zu kreieren. Momentan sind in der Online Collection 20.000 Kunstwerke vertreten. Nach und nach sollen dann alle Stücke der Kunstsammlungen eingefügt werden.
Die einzelnen Objekte werden über eine Abbildung, Basisdaten (Titel, Künstler, Datierung, Technik, Maße, Inventarnummer) und einen Kommentar dokumentiert. Hilfreich dabei die Kontextualisierung des Werkes nach weiteren Werken des Künstlers in der Sammlung, Chronologie und Objektart. Hier hat man offensichtlich beim Städel gelernt, das diese Vernetzung schon seit einiger Zeit in der Website führt.

Gekostet hat der komplette Relaunch der Homepage der staatlichen Kunstsammlungen rund 100.000 Euro, die Einrichtung der Online Collection 50.000 Euro.

Museumsdatenbank “Daphne”
Die Bestände der zwölf Museen werden seit 2008 inventarisiert und recherchiert. Zur Erfassung der 1,2 Millionen Objekte wurde mit der Robotron Datenbank-Software GmbH die Museumsdatenbank „Daphne“ entwickelt. Bisher wurden fast 300 000 Objekte aufgenommen, sagte Projektleiter Gilbert Lupfer. Wissenschaftler fahnden dabei auch nach einst jüdischem Kunstbesitz, der zwischen 1933 und 1945 entzogen wurde, nach Stücken der „Schlossbergung“ 1945 sowie Werken, die von Republikflüchtlingen zu DDR-Zeiten beschlagnahmt wurden.

Suchfunktion
Im Unterschied zu Datenbanken anderer Museen gebe es bei der SKD Online Collection nicht nur eine Suchmaske, sagte Internetberater Steve Johnson. Über Raffaels Sixtina, Lehmbrucks Kniende, Canaletto-Blick, Bilder von Cranach, Caspar David Friedrich und Neo Rauch, Meissener Porzellan und Smaragdstufen-Mohr kann der User Kunstwerke nach Titel, Künstler, Zeittafel oder Museum recherchieren und sich persönliche Ausstellungen als Diashow kreieren. Interessant finde ich in der erweiteren Suche die Funktion “nicht ausgestellt”. Diese zeigt mir im Ergebnis 17.526 Objekte, die offenbar in den Depots lagern. Denen stehen 2.773 Objekte gegenüber, die als “ausgestellt” dokumentiert werden. Danke für diesen Blick ins normelerweise verborgeneDepot! Stellt sich vielleicht noch die Frage, ob man doch eine virtuelle Dependance braucht um das Publikum hier stöbern zu lassen?

 

 

 



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