La Biennale 2.0 oder Venedig sehen und sterben?

1. Juli 2011

Wie nutzen kulturelle Großveranstaltungen Web 2.0? Ein Besuch der Biennale legte einen kurzen Blick auf die Instrumente des Kulturriesen in Venedig nahe. Hier der Bericht:

Website
Die offizielle Website (http://www.labiennale.org) der Biennale ist erfreulich übersichtlich und bietet gleichermaßen Information wie Inspiration. Bereits der erste Blick macht deutlich, dass die Seite nicht nur mit Text und statischen Bildern arbeitet, sondern auch dem Thema „Video“ einigen Platz einräumt.
Im „Video Center“ setzt man dann zwar auf eine eigene Übersicht und Kategorisierung, zieht sich die einzelnen Filme aber vom flankierenden, eigenen YouTube-Channel (s.u.) in die Website. Die einzelnen Seiten können dann zwar via AddToAny weiterempfohlen, aber nicht kommentiert oder getaggt werden.
Das „Photo Center“ zeigt eine ähnliche Logik und Nutzeroberfläche, ist aber nicht (mehr?) mit einem Social Media Portal verknüpft (obwohl die Biennale offensichtlich auf Flickr setzt), sondern referenziert eine eigene Bildergalerie. Diese ermöglicht aber nicht mehr als ein Klicken durch eine (schöne) Bildersammlung, die aber recht klein gehalten und nur sehr sparsam kommentiert ist. Ein Dialog findet hier nicht statt. Die Anwendung erfüllt wohl mehr eine Funktion, wenn geich mir im Angesicht der Fülle des hier abrufbaren Materials dieser Zweck ein wenig verschlossen bleibt.
In der Sockelleiste der Website wird auf ein breites Spektrum flankierender Web 2.0 Kanäle verwiesen, die ebenfalls bespielt werden: YouTube, Facebook, Twitter und Flickr.

 

 

La Biennale Channel
Neben der Homepage betreibt die Biennale auch einen stylischen  “Channel”, der wohl als Mixtum aus Blog und Community für den expliciten Dialog mit dem Publikum gedacht ist: www.labiennalechannel.org. Während man sich hier subscribieren und über einen Login die eigenen Daten an die Veranstalter kommunizieren kann (mehr als eine Registrierung für einen Newsletter hat man aber nicht davon), ergeben sich im eigentlichen Blog (“Get to know the Venice Biennale. Discover news, curiosities and backstage from the several worlds of the Venice Biennale”)  zahlreiche (simultan italienische und englische) Beiträge über einzelne Aspekte der Veranstaltung. Obwohl eine Kommentarfunktion verfügbar ist, habe ich im englischen Blog keinen einzigen gefunden (in der italienischen Version gerade mal zwei). Viel Dialog findet auch hier nicht statt. Bereits auf der Startseite des Channels wir zu den “Competitions” eingeladen:
“Through its new site, La Biennale Channel, the Venice Biennale is launching a series of online competitions, aimed both at Italian students and at young people throughout the world, with the aim of stimulating and rewarding creativity, at the same time attracting the young to the activities of the Venice Biennale. The online competitions foresee:

  • prizes to promote applied creativity of the young and of schools
  • the publication of the works on the Biennale site www.labiennalechannel.org
  • forms of direct participation in Biennale events
  • participation in contests developed through the web
  • a format that is closer to the new generations”

Neun Competitions (wie z.B. “Best photograph of the 54th International Art Exhibition” oder “Best video clip on the theme of the 54th International Art Exhibition”) werden dann auf der Seite dokumentiert, von denen fünf aus dem Hahr 2011 datieren. Zwei Competitions waren bereits seit Januar geschlossen und abgelaufen, über Verlauf und Gewinner wird aber nicht informiert (obwohl entsprechende Seiten vorgesehen und anklickbar sind). Überhaupt wirkt der Channel etwas lustlos, ist wohl groß gestartet und dann eingeschlafen. So hat auch der Bereich “Discussions” sowohl in Englisch als auch in Italienisch die Lebendigkeit eines Friedhofs, wenngleich auf den Gräbern schöne Blumen zu liegen scheinen.

Flickr
Die Suche nach dem Schlagwort “biennale” bringt auf Flickr fast 200.000 Ergebnisse, zahllose Tags aus dem Kontext der Biennale und meldet eine (mehr oder weniger leblose) Gruppe “Biennale di Venezia” mit 592 Mitgliedern und ca. 7.000 Photos. Der größte Teil der Treffer auf Flickr stammt von privaten Usern, dennoch führt die Biennale auch einen offiziellen Account: dieser bietet (Stand: 20.Juni 2011) einen Fotostream mit vier Alben („ILLUMInazioni“, „Arsenale della Danza“, „Carnevale die ragazzi“ und „Biennale Architettura“) und gesamt 200 Photos an: http://www.flickr.com/photos/labiennale. Die einzelnen Abbildungen sind nur rudimentär vertagt, wie auch der ganze Account mehr wie ein Nebenschauplatz wirkt und vermutlich als AddOn betrieben wird. Vom Publikum werden die Fotos zur Architektur am häufigsten angefragt (1.616mal angesehen).

YouTube
Auf Youtube betreibt die Biennale seit dem 08.05.2009 (!) einen eigenen gelabelten und individualisierten Channel:
http://www.youtube.com/user/BiennaleChannel
Im Juni 2011 hat dieser Channel 1.350 Abonnenten, 11 Freunde und zeigt 32 Kommentare.  Er wurde 40.000 mal aufgerufen und informiert über 900.000 Upload-Aufrufe.  Auch auf dieser Plattform sind einzelne Playlists angelegt, die die Sparten der Biennale gesondert behandeln: “Arsenale della Danza 2011″, “La Biennale die Venezia”, “Biennale Theatre 2010-2011″, “67th Venice Film Festival”, “Music Biennale 2010″, “Architecture Biennale 2010″, “Architecture Saturdays 2010″, “Dance Biennale 2010″, “Carnevale die Ragazzi”. Gesamt sind bis zu meinem  Besuchszeitpunkt 587 Videos hochgeladen, von denen Videointerviews mit Bice Curiger (6.639 Aufrufe) oder Paolo Baratta (5.653 Aufrufe) die meisten Zugriffe haben. Spitzenreiter, auch wenn es ein ganz kurzer Beitrag (44 Sekunden) aus dem Jahr 2010 ist, die der Chunky Move – Biennale Danza 2010 mit knapp 40.000 Aufrufen.

Facebook
Auf Facebook betreibt die Biennale eine eigene Seite, die Juni 2011 knapp 45.000 Freunde hat: http://www.facebook.com/Labiennaledivenezia
Die Postings in Italienisch und Englisch erfolgen regelmäßig und, mit zuweilen mehreren Postings (und Kommentaren) pro Tag, auch in lebhafter Dichte. Die einzelnen Beiträge werden vom Publikum gerne bewertet („Gefällt mir“) und, offensichtlich mit internationaler Beteiligung, auch kommentiert. Echte Diskussionen scheinen sich aber nicht abzuzeichnen, was wohl auch darin begründet ist, dass Facebook von der Biennale mehr als Informations- und Hinweiskanal, denn als Dialogplattform genutzt wird. Der Account ist mit dem eigenen YouTube-Channel der Biennale gekoppelt. Im Foto- und Videobereich sind zahlreiche Abbildungen, überwiegend professionelle Fotographien der Kunstwerke, Pavillons und Inszenierungen, aber auch Dokumentation zu Veranstaltungen und Pressekonferenzen hinterlegt.

Twitter
Der offizielle Twitteraccount der Biennale wurde unter dem Namen @la_Biennale (Venice. Italy) zum 13.März 2010 gestartet (Quelle: myfirstweet.com) und zeigt eine gelabelte Seite mit über 23.000 Followern und etwas über 2.500 Tweets (Stand 27. Juni 2011), bei ca. 2.700 „Rückfolgungen“.  In der Dynamik lassen sich pro Tag zahlreiche eigene Tweets festmachen, die in Italienisch und Englisch geschrieben werden. Der Account wird dialogisch geführt, arbeitet mit Hashtags, kommentiert fremde Tweets, bewertet („Fab!“), arbeitet mit Emoticons („:-)“)  und beteiligt sich am #FF. Er wird genutzt um News und kleine Hinweise zu platzieren, Links zu streuen, auf eine Posts im Blog zu verweisen. Zuweilen erscheinen die Mitteilungen aber auch fast spontan und sind erfrischend persönlich.

Der erste Tweet der Biennale

 

 

Foursquare
Neben den oben gennanten Kanälen führt die Biennale auch einen eigenen Account auf Foursquare, der aber über die offizielle Website nicht kommuniziert wird. Aus den getagten Orten wie “Giardini @ La Biennale” oder “La Biennale @ Arsenale” sind diverse Orte, Veranstaltungen oder Links hinterlegt. IN vielerlei Hinsicht wirkt auch dieser Account ein wenig konfus und nur halbwegs strategisch gesetzt. Immerhin heist es im Beschreibungstext: „Discover Venice on Foursquare and all the events in the city by La Biennale di Venezia. Find tips about art, cinema, architecture, dance, music and theatre all around Venice. With La Biennale di Venezia art is everywhere!“. Stand Juni zeigt der Account ca. 6.600 Follower, die via Crosslinking auf der Seite auch über die anderen digitalen Angebote der Biennale auf Website, Facebook und  Twitter informiert werden.

Fazit
Das Social-Media-Konzept der Biennale hat gute Ansätze und zeigt eine erfreuliche Breite, wirkt jedoch in Teilen unausgereift und eher “zufällig gewachsen” als strategisch geführt. Die Möglichkeiten des digitalen Raums als Kommunikations- und Beziehungsgeflecht werden bei weitem nicht ausgeschöpft, auch als kulturell bespielbare Fläche scheint das Netz bei der Biennale ein wenig in den wunderbaren Kanälen Venedigs zu versinken. Konzepte, die eine echte narrative Struktur entwickeln oder gar ein Cross-Media-Storytelling entfalten, habe ich im digitalen Raum der Biennale nicht finden können. Für den Dialog mit dem Publikum hat es wohl Konzepte gegeben, diesen wurden auch realisiert, dann aber nicht weiter betrieben. Generell dominiert die klassische Informationsvermittlung, die gerne eben auch redundante Informationen, Texte und Bilder einfach in die Breite streut.

So what? Make it better documenta!

 



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